Welche Macht haben politische Blogs? – Interview mit Stefan Graunke von Unpolitik.de

©Sabrina Tichy
Dass Bundespräsident Horst Köhler Ende Mai mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurückgetreten ist, hat für viel Aufregung gesorgt. Begründet hat Köhler seine Entscheidung mit der Kritik, die an seinen Kommentaren über Auslandseinsätze der Bundeswehr geäußert worden waren.
Das Besondere daran: Fast wären die Aussagen Köhlers in einem Interview mit DeutschlandRadio Kultur kurz vor Pfingsten relativ unbemerkt geblieben. Aber nur fast. Denn Internet-Blogger wie der Kölner Computergrafiker Stefan Graunke („Unpolitik.de“) haben das Thema direkt aufgegriffen und so mit etwas Verspätung auch die Presse darauf aufmerksam gemacht.
Im Interview mit dem StudiPolitBlog spricht der 42-jährige Graunke über Blogs, Politik und wie beides zusammenhängt.
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Inwiefern hat Ihr Blog „Unpolitik.de“ Auswirkungen auf Ihr Leben, vor allem in Hinblick auf die letzten Wochen?
Wegen der Ereignisse [im Zusammenhang mit dem Köhler-Rücktritt] gab es ein wenig Aufregung um meine Person in Form von Interviewanfragen von Fernseh- und Radiosendern sowie die namentliche Erwähnung in diversen Online- und Offline-Publikationen. Aber ansonsten hat das Blog – außer der Tatsache, dass ich mich wohl fühle, wenn ich mir etwas von der Seele geschrieben habe – bisher keine direkten Auswirkungen auf mein Leben.
Wie schätzen Sie die Bedeutung von Blogs für die Medien und die Gesellschaft ein?
Immer noch zu gering. Blogs haben, etwa im Vergleich mit den USA, noch mit einem deutlichen „Echochamber-Effekt“ zu kämpfen: Außerhalb einer bestimmten Gruppe werden sie nicht direkt wahrgenommen. Erst wenn Themen, die in Blogs hochkochen, auch in den
traditionellen Medien ankommen, wird gegebenenfalls auf sie Bezug genommen. Wir befinden uns aber an einem Punkt, an dem erste Anzeichen einer leichten Umorientierung spürbar sind.
Glauben Sie, dass Blogs die Politik beeinflussen? Das heißt, handeln Politiker anders, seit es Blogs gibt?
Direkte Beeinflussung? Nein. Indirekt kann das schon mal vorkommen, sei es dadurch, dass Themen aus Blogs von klassischen Medien aufgenommen werden oder im Netz plötzlich sehr hochkochen und überschwappen. Der Begriff „Zensursula“ ist solch ein Beispiel. Der
hat es aus Blogs, Twitter & Co. sehr schnell in eine generelle Medienpräsenz geschafft und eben auch ins direkte Bewusstsein von Frau von der Leyen. Ich glaube aber nicht, dass Politiker gezielt Blogs abgrasen. Das könnte sich zwar in Zukunft ändern, aber noch ist es
nicht so weit. Immerhin wissen mittlerweile ein paar Leute, auch die politischen Eliten, was Blogs sind und dass es sie gibt. Aber anders handeln wegen Blogs? Nein. Ich wünsche mir einfach, dass Politiker immer nach bestem Wissen und Gewissen handeln, egal ob mit oder ohne Blogs.
Können Ihrer Meinung nach politische Blogs der Politikverdrossenheit entgegen wirken?
Ich sehe politische Blogs eher als Ausdruck dessen, dass es mit der Politikverdrossenheit weniger weit her ist, als immer wieder behauptet wird. Ich nehme im Netz ein deutlich zunehmendes Interesse wahr, sich politisch zu äußern und zu betätigen. Mit dem Netz hat man natürlich auch viel einfachere Möglichkeiten, dies zu tun.
Warum glauben Sie ist der klassische Journalismus nicht mehr in der Lage, wie Sie es ausdrücken, die Aufgabe der vierten Macht zu übernehmen? Sehen Sie sich mit Ihrem Blog als vierte Macht?
Blogs sind im besten Fall Journalismus. Jeder, der sich ernsthaft journalistisch betätigen möchte, kann das mit einem Blog tun. Das ‘klassische’ System des Journalismus scheint ein wenig in die Jahre gekommen zu sein und hat definitiv einige strukturelle Probleme, die
ihn in seiner Aufgabe als vierte Macht im Staat behindern. Journalismus per se ist in meinen Augen aber kein Berufsstand, Journalismus ist eine wichtige demokratische Aufgabe. Wer diese Aufgabe erfüllt, ist vollkommen egal, Hauptsache sie wird gemacht. Und je mehr Menschen sie machen, desto besser.
Sie sehen sich nicht als Gallionsfigur. Warum verbreiten Sie dann Ihre Meinung offen im Internet mit dem Ziel, möglichst viele Anhänger zu bekommen?
Von Anhängern kann hier gar keine Rede sein. Das Blog ist eine Sache, die ich für mich gebraucht habe. Ich veröffentliche meine Meinung im Internet, weil das für mich der beste Weg ist, meine Überlegungen und teilweise Wut zu kanalisieren. Bevor ich mit dem politischen Bloggen angefangen habe, habe ich nur einen Alltagsblog geführt, mit allen möglichen Themen und Bildern. Irgendwann hat es aber bei mir ‘klick’ gemacht und ich habe vornehmlich den Drang verspürt, die Sachen zu thematisieren, die mir an der aktuellen Politik wehtun. Einfach, damit sie nicht ungesagt bleiben.
Dienstag, 29. Juni 2010 11:35
Ich bin froh, dass da mal ein Blogger spricht, der sich selbst nicht so wichtig nimmt. Mal ehrlich: sind Blogs wirklich so toll? Aber klar, Stefan Graunke hat mit seinem Blog einigen Staub aufgewirbelt. Und er hat recht: Einige Missstände dürfen nicht ungesagt bleiben. Blogs können ein Korrektiv für die Sprechblasen der Politiker sein.
Mittwoch, 30. Juni 2010 10:35
Schön und gut, Blogs nehmen an Bedeutung zu. Aber ob sie wirklich “im besten Fall Journalismus” sind??
Die meisten Blogger haben doch keine vergleichbaren Recherchemöglichkeiten wie Journalisten. Und sowas wie “Berufsethos” steht sicher auch nicht gerade an erster Stelle eines Blogs.
Trotzdem sind Blogs eine wichtige Ergänzung, wie hier im Fall Köhler.
Mittwoch, 30. Juni 2010 12:01
@Tiff
Darum ja “im besten Fall”. Es gibt massenhaft Blogs, die den Ansprüchen an einen ernsthaft betriebenen Journalismus, sprich Qualitätsjournalismus, nicht standhalten. Unter anderem auch mein Blog, welches mir vor allem zu Meinungsäußerungen dient. Es ragen aber immer wieder einzelne Beiträge oder ganze Blogs heraus, in denen großartige journalistische Arbeit geleistet wird. Ebenso gibt es aber auch immer wieder Artikel in großen Zeitungen oder auch ganze Zeitungen, denen ich jegliche journalistische Sorgfaltspflicht und Ethik absprechen würde.
Mittwoch, 30. Juni 2010 12:01
Ich komme aus der “klassischen” Journalistik und verfolge die Entwicklung der Blogosphere mit Sympathie und Interesse. Das Interview fand ich spannend, angenehm wenig reißerisch.
Widerspruch möchte ich bei der These anmelden “egal wer es macht, Hauptsache es wird gemacht”. Eine Ausbildung, die auch Themen wie Berufsethos, innere und äußere Pressefreiheit, Offenlegung von Interessen sowie Wissen über saubere Recherche beinhaltet halte ich für unabdingbar.Ansonsten stellen Blogger/innen Öffentlichkeit her (das begrüße ich), aber deshalb sind sie noch lange keine Journalist/innen. Mir ist diese Unterscheidung wichtig, weil ich finde, dass dieses Land gut ausgebildete und gut bezahlte JournalistInnen zur Sicherung der Wähchterrolle der Presse braucht, diese Rolle können Blogger nicht wahrnehmen. Aus meiner Sicht ist ein Blog eher mit dem guten alten Flugblatt zu vergleichen. Das finde ich auch wichtig als gegenöffentlichkeit, aber es kann kein Ersatz für gut gemachte (!!) journalistische Produkte sein.
Wie sieht es mit dem Schutz der Informanten aus (den gibt es für Informanten von Journalisten, ein Blogger kann den nicht garantieren).Gerade der Fall zeigt meiner Meinung nach nicht die Relevanz von Blogs, die entscheidende Information gab es in einem Interview mit dem DLF, und die hätte Köhler auch keinem Blogger gegeben. Wenn viele Kolleginnen und Kollegen auf Blogger angewiesen sind um das zu bemerken ist das bedauerlich.
Donnerstag, 1. Juli 2010 9:57
@ Pia Grund-Ludwig:
Ihr letzter Satz verweist dann doch wieder auf die (relative) Macht von Blogs, Themen zu setzen - und damit zu einem Teil jedenfalls die Berichterstattung zu steuern. (”Agenda-setting” hieß das mal in der Journalistenschule…)
Freitag, 18. März 2011 20:46
Ich denke Blogs sind sehr informativ und oft auch bestimmt ehrlicher als die Medien und Politik jedoch sollte man dort auch vorsichtig sein. Ich denke viele Quellen haben und sich daraus eine Meinung bilden wäre von Vorteil und dazu benötigt man auch Blogs die unverblümt ihre Meinungen preisgeben.