
Stalin, noch ohne Schnauzer
Wieder einmal ist eine interessante Musikstundenwoche zuende gegangen. Doch im Gegensatz zur vorigen – Susanne Herzog über Vivaldi - hat diesmal - Thomas Rübenacker über Musik und Macht - die Erkenntnis auch weniger angenehme Gefühle gezeitigt.
Werke wie Beethovens glorreichen Augenblick und Brahms’ Triumphlied hat der Autor zwar gewohnt kenntnisreich in den historischen Kontext gestellt. Aber gut finden muss man solche Kuriositäten deshalb noch lange nicht. Schon gar nicht Sergeij Prokofjews “Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution”, die die Reihe beschloss.
Bei diesem monströsen Machwerk – Rübenacker relativiert freilich seinen propagandistischen Nutzwert – handelt es sich um ein Stück stalinistische Zeitgeschichte, das nach feuchten Filzjoppen, fetten Komsomolzinnen, nach subtilem und offenem Terror, nach Hoffnungslosigeit, Trübsal und dünner Kohlsuppe förmlich – stinkt.
Es ist immer schwierig, über jemanden zu urteilen, der in einer Diktatur lebt (so er nicht gerade aktiv kriminell wird). Aber die Nachwelt hat die Freiheit, Vergessenswürdiges einfach beiseite zu lassen. Insofern verstehe es wer will, weshalb ein großer Dirigent wie Neeme Järvi dieses Stück Krachmusik überhaupt eingespielt hat.
Mich jedenfalls hat es beim Anhören schier gelupft.
Neue Kommentare