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CD-Tipp: Dina Ugorskaja spielt späten Beethoven

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Zwei der größten Brocken von Beethoven auf einer CD: mit ihrer neuesten Veröffentlichung zeigt die Pianistin Dina Ugorskaja erneut, dass sie zu den ganz Großen ihres Fachs gehört – auch wenn sie längst nicht so bekannt ist, wie sie es eigentlich verdiente.

Die Hammerklaviersonate ist fast 200 Jahren nach ihrem Entstehen immer noch ein ungeheures, ja ein ungeheuerliches Werk. Unfassbar, was Beethoven sich, seinen Interpreten und seinen Zuhörern zumutet. Und an einer Stelle im langsamen Satz scheint es Dina Ugorskaja genau deshalb schier zu zerreißen. In den Takten 113 fortfolgende kulminiert ihr Spiel  in einem regelrechten Ausbruch. Dieser Aufschrei ist ziemlich  untypisch für die Künstlerin, die ansonsten stets mit warmem Kalkül spielt.

Eher breit im Tempo, weit entfernt von Beethovens aberwitzigen Metronomangaben, legt sie den ersten Satz der „Hammerklavier“ an. Fast skrupulös zeigt sie die Architektur auf, immer die alles umfassende Terz des ganzen Werks im Blick. Federnde Rhythmik im Scherzo, farbige Nuancen im b-Moll-Teil (nur das das Presto könnte auch grimmiger sein), dann das Adagio, das sie so in die tiefsten Tiefen auslotet, wie es nur ganz großen Beethoven-Interpreten gelingt. Und nicht zuletzt: jene gewaltige Schlussfuge, deren Klippen sie alle souverän umschifft. Nur ein Beispiel: die oft banal wirkenden Tonleiterpassagen ab Takt 180 klingen bei ihr nach Musik und nicht nach Klavierstunde.

Was soll da noch kommen? Genau: die Opus 111, mit deren klar strukturierten, bis ins letzte Detail ausgeleuchteten Arietta-Variationen Dina Ugorskaja endgültig zeigt, wo sie hingehört: ganz nach oben.


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