Archiv für das 'musikstunde'-tag

Göttlich: die SWR-2-Musikstunde über Heifetz

“Rubinstein brüllt: ,Jascha, selbst wenn Gott hier geigen würde, stünde auf den Plakaten: Rubinstein, GOTT, Piatigorsky, in dieser Reihenfolge.’”

Wie gut, dass – Triumph der Technik – auch diese Musikstunde nachzulesen und nachzuhören ist. Wollte ich nur mal gesagt haben.


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Die Musikstunde mit Thomas van Rübenacker

“Ich kenne eigentlich nur einen aus dieser Zunft, den Glöckner von Notre-Dame. Der war so arm, dass es nicht einmal zu einem Modo reichte – er brachte es nur bis zum Quasimodo.”

Und so kalauert Thomas Rübenacker, der laut Folge 1 eigentlich Beethoven heißt, sich munter durch die Musikstundenwoche. Anhören!


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Ain, ain, ain, nicht é, é, é

Susanne Herzog widmet sich in dieser Musikstundenwoche Musikern auf Reisen. Den Anfang hat Camille Saint-Saëns gemacht. Das ist löblich, weil er und sein Werk in Deutschland lang nicht so bekannt sind, wie es angemessen wäre. Zum Beispiel das wirklich bezaubernde Finale seines fünften Klavierkonzerts.

Nur, liebe Frau Herzog: der Mann heißt Saint-Saëns, nicht Sé-Saëns. Ain, ain, ain, nicht é, é, é –  hein? (Dass viele Leute Sans-Sans sagen, macht sie Sache nicht besser.)

Ansonsten: nichts für ungut. Und ich freue mich schon auf die nächsten Folgen.


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Krachmusikoff in der SWR-2-Musikstunde

Stalin, noch ohne Schnauzer

Wieder einmal ist eine interessante Musikstundenwoche zuende gegangen. Doch im Gegensatz zur vorigen – Susanne Herzog über Vivaldi - hat diesmal - Thomas Rübenacker über Musik und Macht -  die Erkenntnis auch weniger angenehme Gefühle gezeitigt. 

Werke wie Beethovens glorreichen Augenblick und Brahms’  Triumphlied hat der Autor zwar gewohnt kenntnisreich in den historischen Kontext gestellt. Aber gut finden muss man solche Kuriositäten deshalb noch lange nicht. Schon gar nicht  Sergeij Prokofjews “Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution”, die die Reihe beschloss.

Bei diesem monströsen Machwerk – Rübenacker relativiert freilich seinen propagandistischen Nutzwert – handelt es sich um ein Stück stalinistische Zeitgeschichte, das nach feuchten Filzjoppen, fetten Komsomolzinnen, nach subtilem und offenem Terror, nach Hoffnungslosigeit, Trübsal und dünner Kohlsuppe förmlich –  stinkt.

Es ist immer schwierig, über jemanden zu urteilen, der in einer Diktatur lebt (so er nicht gerade aktiv kriminell wird). Aber die Nachwelt hat  die Freiheit, Vergessenswürdiges einfach beiseite zu lassen. Insofern verstehe es wer will, weshalb ein großer Dirigent wie Neeme Järvi dieses Stück Krachmusik überhaupt eingespielt hat.

Mich jedenfalls hat es beim Anhören schier gelupft.


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Zweitklassiger Brahms, erstklassige Musikstunde

Schalt die  Musikstunde ein und lern etwas dazu. In dieser Woche hat Wolfgang Sandberger über Widmungen in der Musik gesprochen. Nicht nur, dass Sandberger einen beneidenswerten Job hat – er ist Leiter des Brahms-Instituts an der Musikhochschule Lübeck, auf dessen online stehender Notensammlung wir ja schon mehrfach verwiesen haben -, er gehört auch zu denjenigen Musikstundenmoderatoren, denen man stets gerne zuhört.

Leider hab ich aus organisatorischen Gründen mal wieder nur einen Teil der Musikstunde mitbekommen, dabei aber sind mir, man wird ja auch mal mäkeln dürfen, zwei Dinge aufgefallen. ‘Zweitklassiger Brahms, erstklassige Musikstunde’ weiterlesen


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Wie beiläufig

Leider nur kurz in die Musikstunde reingehört (ging zeitlich nicht anders). Wolfgang Scherer – quid possit musica – über die Wirkungen der Musik.

Bei Bachs d-Moll-Präludium aus dem WTK II habe  ich  aufgehorcht. Man wird nicht leicht einen Cembalospieler finden, der mit seinen wie beiläufig gesetzten Verzierungen, Trillern, Prallern, Arpeggien und dergleichen mehr eine ähnlich aufregende Wirkung erzielt wie Masaaki Suzuki. Wer’s nicht glaubt, höre sich nur mal den Eingangschor der Johannespassion oder das Air aus der D-Dur-Suite an. Ich krieg da immer eine Gänsehaut (wollte ich nur mal gesagt haben).


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Verdi? Bach? Mendelssohn!

Zuerst hab ich beim Musikstunde einschalten  gemeint, es laufe gerade der Gefangenenchor aus Nabucco. Aber dann hab ich gemerkt, dass es doch der Eingangschor der Matthäuspassion war, in der Fassung von Mendelssohn-Bartholdy.

 Doch, doch, schon interessant. Und musikhistorisch bedeutsam. Aber welchen Grund es geben soll, die Irrtümer des 19. Jahrhunderts auszugraben und einzuspielen  (Chorus Musicus, Das Neue Orchester, Leitung: Christoph Spering), mag sich mir beim besten Willen nicht erschließen.

Aber ganz abgesehen von dieser kleinen Mäkelei: die Musikstunden-Woche (Christian Schruff  spricht über das Mäzenatentum in der Musik) ist wieder einmal sehr gut gestartet. Mehr davon!


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Fortissimo, bitte

Caspar David Friedrich hat auch Ausrufezeichen gesetzt

 (…) Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig ich in stiller Stund
Auf den höchsten Berg in die Weite,
Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!

 

Bettina Winkler bringt uns gerade in der Musikstunde „Joseph Eichendorff und die Musik“ (so der Titel ihres Manuskripts) nahe. Sachlich, unaufgeregt, informativ. So muss es sein.  Trotzdem bin ich heute morgen über eine Passage gestolpert:

„Im sechsten Kapitel [des „Taugenichts“] findet sich jenes Gedicht, das in der Vertonung von Hugo Wolf vielleicht am bekanntesten wurde, das aber gerade in der musikalischen Gestaltung der Schlusszeilen heute besonders heikel erscheint: “Heimweh”. Am ehesten kann ich mich da noch mit der Interpretation von Wolfgang Holzmair anfreunden, dessen Aussprache zwar etwas undeutlich ist, der aber den Liedschluss nicht so auftriumphierend präsentiert wie viele andere. Fortissimo steht zwar bei Wolf, aber wenn man’s etwas mehr zurücknimmt, klingt es eigentlich viel inniger und schöner.“

Es ist eine Sache, den Eichendorff-Text aus Gründen übertriebener politischer Korrektheit für heikel zu halten. Eine andere ist es, ihn auch noch so zu interpretieren. Eichendorff setzt ein Ausrufezeichen, Wolf ein Fortissimo. Wer das – aus welchen Gründen auch immer – ignoriert, nimmt dem Dichter und seinem Komponisten viel zu viel von ihrem romantischen Überschwang.

PS: Richtig schlimm daneben gelangt hat Frau Winkler heute morgen mit der Auswahl des letzten von Robert Schumanns “Gesängen der Frühe”. Nicht, dass es gleich zwei exemplarische Einspielungen der jüngsten Zeit gäbe (Dina Ugorskaja und – in diesem Stück fast noch schöner – Piotr Anderszewski).  Aber diese lieblose, unsensible Version von Maurizio Pollini hat mich fassungslos zurückgelassen.  Schauderhaft.


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Meine Musikstunde

Neben dem Reznicek   hat mich heute – natürlich und schon die ganze Woche über – auch Katharina Eickhoffs SWR-2-Musikstunde über Otto Klemperer gefreut. Ich wusste weder, dass Klemperer so bestürzend wenig Blues im Blut hatte (was er mit Gershwins zweitem Prélude beim Trauerkonzert für den früh Verstorbenen bewies), noch dass er derart naiv auf Hitlers Machtergreifung reagierte, noch dass er ein wirklich ernstzunehmender Komponist war. Vieles andere wusste ich natürlich auch nicht (zum Beispiel, dass er Konzertsaal von einem gehörnten Ehemann ausgepeitscht wurde) und habe mich deshalb immer geärgert, wenn ich aus Funkloch- oder sonstigen Gründen mal wieder ganze Passagen verpasste.

Aber zum Glück stehen die Manuskripte ja im Internet und daraus möchte ich nur ein Zitat zitieren, das nachgerade als Mantra für alle ernsthaften Interpreten gelten könnte:

>>„Wir können“, schrieb Olin Downes, damals Amerikas wichtigster Musikkritiker, „uns an keine Gelegenheit erinnern, wo Mr Klemperer nicht sein Äußerstes gab für jeden Komponisten, und nie schien er zu meinen, dass seine Ideen wichtiger für die Zuhörer seien als die desjenigen, der die Musik geschrieben hat. Das ist viel in diesen Zeiten, wo anstelle von Interpretation oft nur Exhibitionismus geboten wird.“<<

Sagte ich schon, dass die Musikstunde meine absolute Lieblingssendung ist?


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Lieben Sie etwa Liszt?

Dass ich kein großer Liszt-Freund bin, habe ich schon mal durchblicken lassen. Er gehört neben Paganini zu den Komponisten, die mir oft geradezu  körperliches Unbehagen bereiten. Bös gesagt: zuviel Geklingel, zuwenig Substanz. Daran können auch kluge Werbeartikel von Größen wie Alfred Brendel nichts ändern.

Na, i mog’s hoit net.

Auf der anderen Seite höre ich natürlich mit Interesse (aber aus Zeitgründen leider nur bruchstückhaft) die SWR-2-Musikstunde dieser Woche, in der sich Wolfgang Sandberger mit dem heurigen Jubiläumstonsetzer beschäftigt.  Und da muss ich sagen: diese h-Moll-Sonate (ich hätte ja eine andere Interpretation gewählt als Sandberger heute, aber egal), die ist schon ein herausragendes Stück Musik. Da möchte man schon wissen, wie es weitergeht (was dem Musikstunden-Autoren seinerseits aus Zeitgründen nicht möglich war). Da hört man schon, dass und weshalb spätere Komponisten Honig gesaugt haben aus ihrem Liszt. Da muss ich dann schon mein Urteil über den Mann mit der Warze ein bisschen revidieren.

Bin mal gespannt, was die Woche sonst noch alles bringt. Und freu mich schon jetzt auf nächste Musikstunden-Reihe, wenn wir Katharina Eickhoff mit Otto Klemperer sagen hören „Ich bin Immoralist“.


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