Archiv für das 'Isabelle Faust'-tag

CD-Tipp: Bach mit Isabelle Faust

Was für ein Bekenntnis: „fassungs- und  oft auch ratlos“, schreibt Isabelle Faust, stehe sie oftmals Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo gegenüber. Und das nach jahrzehntelanger intensiver Beschäftigung mit diesem sechsteiligen Zyklus, dessen zweite Hälfte sie jetzt auf  CD vorgelegt hat.

Nach der C-Dur-Sonate und den Partiten in d-Moll und E-Dur von 2010 ist bei harmonia mundi nun also gewissermaßen auch Faust II erschienen: die Sonaten in g-Moll und a-Moll sowie die Partita in h-Moll. Und wiederum  nähert sich die Geigerin ihrer Aufgabe mit äußerster Präzision und Konzentration. Da ist jede Phrasierung wohl überlegt, jede dynamische Nuance genau dosiert, jeder architektonische Bogen gewissenhaft bedacht. Aber Isabelle Faust wäre nicht Isabelle Faust, wenn sie ihr breites akademisches  Fundament nicht mit großer Spielfreude verbinden würde. So ist am Ende eine Gesamteinspielung von Bachs Solowerk herausgekommen, wie sie – wieder einmal –  keine Vergleiche zu scheuen braucht.

Als „eine Momentaufnahme“ bezeichnet Isabelle Faust ihre beiden Bach-CDs. Eine Momentaufnahme? Es wird wahrscheinlich lange dauern, ehe uns wieder solche Momente aus dem bachschen Kosmos beschert werden.


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CD-Tipp: Isabelle Faust spielt das Brahmskonzert

Beethovensonaten, Bachs Solowerke, jetzt das Brahmskonzert, außerdem Komponisten wie Bartók, Haydn und Martinu – Isabelle Faust ist eine enorm produktive Künstlerin mit einer ungeheuren Bandbreite. Und noch bei jeder Aufnahme hat sie mit ihrem ganz persönlichen Stil überzeugt, sie hat Interpretationen mit dem Prädikat „So und nicht anders“ vorgelegt, bei aller Leidenschaft stets unaufgeregt und uneitel.

Nun also das Brahmskonzert. Es spielt – transparent, duftig und vor allem im Holz samtweich – das Mahler Chamber Orchestra, es dirigiert – zügig, aber mit großem Atem, ganz ohne Hast – Daniel Harding. Und es geigt Isabelle Faust so intelligent und souverän, wie man es von ihr nach all den vorangegangenen CDs eigentlich fast schon erwartet hat. Sie nähert sich ihrem Brahms ganz ohne Schwulst und Ballast und setzt nicht nur mit der Auswahl der Busoni’schen Kadenz eigene, selten gehörte Akzente. Einziger Wermutstropfen: aufnahmetechnisch sind Solistin und Orchester hier und da im Klangraum etwas zu weit auseinander.

Homogener ist das Bild im Streichsextett Opus 36, dem zweiten Stück auf der CD. Ohne primadonnenhafte Allüren führt Isabelle Faust ihre fünf musikalischen Freunde durch die vier Sätze. Und zeigt, wie man den Schluss des langsamen Satzes – eine der schönsten Stellen im Werk des Komponisten – auch ohne übertriebenes Pathos deuten kann. Johannes Brahms hätte bestimmtseine Freude dran gehabt.


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Legenden

Schon damals kaum eitel: Karajan, 1938 fotografiert von Edith Posse; Quelle: Bundesarchiv

Im Einklang  gewesen. Isabelle Fausts Neue gekauft: das Brahms-Violinkonzert und das G-Dur-Sextett Opus 36 – ich freu mich schon auf heute Abend!

Crescendo mitgenommen. Darin nicht nur ein Stück über Isabelle Fausts Stradivari „Dornröschen“. Sondern auch eins über Wilhelm Furtwängler als Nazi beziehungsweise eben nicht als Nazi, wie der Autor Christoph Schlüren „mit klarem Entschluss“ aufzeigt.

„Wer sich nicht auskennt, dürfte spätestens bei der Lektüre [von Fred Priebergs Handbuch deutsche Musiker 1933 -  45] erkennen, dass viele Legenden kaum Wahrheitsgehalt aufweisen“, schreibt Schlüren. Um im selben Beitrag Herbert von Karajan zu nennen, „der gleich zweimal der NSDAP beigetreten ist“.

Ich mochte Karajan nie, kann mit seinen Interpretationen nichts anfangen und bin überzeugt, dass ihm die Nazis für seine Karriere gerade recht kamen. Was die Legende vom Doppel-, ja vom Tripeleintritt angeht, halte ich mich aber lieber an andere Quellen, zum Beispiel an  Eleonore Büning, die im SWR sagte: „Erst nach seinem Tod, 1993, findet die auf die NS-Geschichte spezialisierte schwedische Historikerin Gisela Tamsen  heraus, dass diese angebliche dreifache NSDAP-Mitgliedschaft nie bestanden haben kann.“  Die einfache Mitgliedschaft war schlimm genug.

Nicht nur, um die Quelle zu nennen, sondern auch weil das Manuskript auch sonst sehr lesenswert ist: hier die URL 


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Faust II

Faust II

 Der Grund, weshalb ich mit Faust II so lange gewartet hab, ist ganz banal: erst jetzt bin ich dazugekommen, mir Karten für die Konzerte in der Stuttgarter Johanneskirche zu bestellen. Isabelle Faust spielt dort am 30. und am 31. August, jeweils 22 (!) Uhr, Bachs Sonaten und Partiten.

Haydn, Beethoven oder Martinu und jetzt Bach – ich hab noch nie erlebt, dass mich eine Faust-Interpretation auf halbem Wege irritiert zurückgelassen hätte. Klugheit und Leidenschaft gehen bei ihr Hand in Hand. Wobei es schon interessant ist, wie zurückhaltend sie den Anfang der d-Moll-Partita nimmt. Als wolle sie sich erst vortasten in eine Welt, vor der sie ziemlichen Respekt hat. Geigerkollegen wie Tetzlaff und Zehetmair gehen da viel rabiater ans Werk. Doch spätestens in der Chaconne lässt sie keine Frage mehr offen: ohne Eitelkeiten und Allüren verdeutlicht sie uns den großen Ernst der Lage – „so wertvoll wie ein kleiner Gottesdienst“, hab ich mal über Leon Fleisher geschrieben, der Brahms’ Linke-Hand-Version des Stückes auf CD eingespielt hat. Auf Isabelle Faust trifft das genauso zu.

Wie es aussieht, gibt es noch recht viele Karten für die Stuttgarter Konzerte. Wer live erleben will, was die Geigerin uns zu sagen hat, sollte sich dennoch sputen. Nicht, dass er nachher vor verschlossenen Kirchentüren steht.

Nähere Infos und ein Link zum Ticketservice unter

http://www.musikfest.de/


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Faust I – ein CD-Tipp

 

RONDO: Frau Faust, auf dem Cover Ihrer neuen CD stehen Sie da wie ein weiblicher Samurai. Sind Sie so?
Isabelle Faust: Ich weiß eigentlich nicht, wie ein weiblicher Samurai zu sein hat! Das Foto gefällt mir sehr – und auf dem japanischen Markt kommt es besonders gut an. Mir gefiel die Kulisse der Neuen Nationalgalerie in Berlin, vor der wir die Fotos gemacht haben.

Wir wissen nicht, welches Samurai-Bild der Rondo-Mitarbeiter Robert Fraunholzer hat. Wir wissen aber, dass die Traumgeigerin Isabelle Faust auf dem Foto keinesfalls wie ein weiblicher Samurai aussieht. Eher schon wie eine Budo-Sportlerin, die zum Beispiel Kyudo, das japanische Bogenschießen, betreibt: der dunkle Rock sieht aus wie ein Hakama, die weiße Bluse ein bisschen wie ein Gi,  die Beinstellung ähnelt entfernt dem Ashibumi, die Kopfhaltung dem Monomi. Und einen Bogen hat sie ja eh schon in der Hand.

Doch Kyudo wird die gebürtige Esslingerin eher nicht betreiben. Der Tenouchi (so heißt die Art und Weise, wie man den Bogen greift) wäre Gift für ihre linke Hand. Und sie könnte den Bach nicht mehr so unvergleichlich spielen, wie sie es nun einmal tut. Kaufen. Anhören. Begeistert sein.

Hier geht’s zum Rondo-Magazin…


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