Archiv für das 'Beethoven'-tag

CD-Tipp: Yojo, die Zweite

TYXart_13028_CD_Cover_copyrightNa, dieser junge Mann traut sich was: Im langsamen Satz von Beethovens Pathétique, an der elegischen as-Moll-Stelle, gibt er unvermittelt Gas, verdoppelt mal eben das Tempo – und verblüfft den Zuhörer mit der Erkenntnis, dass das absolut in Ordnung geht. Ein schneller Mittelteil im Adagio cantabile  -  ja warum eigentlich nicht? Mozart hat das in seinem d-Moll-Klavierkonzert ausdrücklich vorgeschrieben. Und bei der vorliegenden Beethoven-Einspielung zeigt es sich, dass dieser völlig unvorschriftsmäßige Umgang mit dem Urtext funktioniert. Es muss halt nur der Richtige am Flügel sitzen

Der 17-jährige Yojo, mit bürgerlichem Nachnamen Christen, ist es, der mit jugendlich leichtem Sinn die op. 13 gegen den Strich bürstet. ‘CD-Tipp: Yojo, die Zweite’ weiterlesen


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CD-Tipp: Dina Ugorskaja spielt späten Beethoven

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Zwei der größten Brocken von Beethoven auf einer CD: mit ihrer neuesten Veröffentlichung zeigt die Pianistin Dina Ugorskaja erneut, dass sie zu den ganz Großen ihres Fachs gehört – auch wenn sie längst nicht so bekannt ist, wie sie es eigentlich verdiente.

Die Hammerklaviersonate ist fast 200 Jahren nach ihrem Entstehen immer noch ein ungeheures, ja ein ungeheuerliches Werk. Unfassbar, was Beethoven sich, seinen Interpreten und seinen Zuhörern zumutet. Und an einer Stelle im langsamen Satz scheint es Dina Ugorskaja genau deshalb schier zu zerreißen. In den Takten 113 fortfolgende kulminiert ihr Spiel  in einem regelrechten Ausbruch. Dieser Aufschrei ist ziemlich  untypisch für die Künstlerin, die ansonsten stets mit warmem Kalkül spielt.

Eher breit im Tempo, weit entfernt von Beethovens aberwitzigen Metronomangaben, legt sie den ersten Satz der „Hammerklavier“ an. Fast skrupulös zeigt sie die Architektur auf, immer die alles umfassende Terz des ganzen Werks im Blick. Federnde Rhythmik im Scherzo, farbige Nuancen im b-Moll-Teil (nur das das Presto könnte auch grimmiger sein), dann das Adagio, das sie so in die tiefsten Tiefen auslotet, wie es nur ganz großen Beethoven-Interpreten gelingt. Und nicht zuletzt: jene gewaltige Schlussfuge, deren Klippen sie alle souverän umschifft. Nur ein Beispiel: die oft banal wirkenden Tonleiterpassagen ab Takt 180 klingen bei ihr nach Musik und nicht nach Klavierstunde.

Was soll da noch kommen? Genau: die Opus 111, mit deren klar strukturierten, bis ins letzte Detail ausgeleuchteten Arietta-Variationen Dina Ugorskaja endgültig zeigt, wo sie hingehört: ganz nach oben.


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Eroica-Variationen (und ein CD-Tipp)

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Peter Glaser hat in seiner Glaserei ein hübsches Fundstück eingestellt: die beiden Es-Dur-Schläge zu Beginn von Beethovens Eroica im Wandel der Zeiten. Hey, wie sie am Vorhang zerren,  die Furtwänglers, die Karajans, die Böhms, die Gielens, die Harnoncourts, die Kleibers, die Norringtons, wie sie im Achtels-, Viertels-, ja Halbtonbereich auseinander sind (vor allem die historisch Informierten, die aus guten Gründen dem 440-Hertz-a’ Adieu gesagt haben).

Doch auch die alten haben es natürlich in sich, allen voran René Leibowitz, ohnehin einer meiner persönlichen Favoriten: er ist so schnell, dass der weit bräsigere  Karajan fast reinstolpert in seinen Einsatz. Bei der Gelegenheit: wer für wenig Geld eine Beethoven-Ausgabe in der Leibowitz-Järvi-Norrington-Klasse will, dem seien alle Neune mit Emmanuel Krivine und La Chambre Philharmonique wärmstens empfohlen: schlank, luzide, lebendig – und zu 100 Prozent pathosfrei. Wollte ich schon lange mal gesagt haben.

 

 

http://blog.stuttgarter-zeitung.de/musik/2012/03/06/die-eroffnungsakkorde-von-beethovens-eroica-eine-chronik/


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Krachmusikoff in der SWR-2-Musikstunde

Stalin, noch ohne Schnauzer

Wieder einmal ist eine interessante Musikstundenwoche zuende gegangen. Doch im Gegensatz zur vorigen – Susanne Herzog über Vivaldi - hat diesmal - Thomas Rübenacker über Musik und Macht -  die Erkenntnis auch weniger angenehme Gefühle gezeitigt. 

Werke wie Beethovens glorreichen Augenblick und Brahms’  Triumphlied hat der Autor zwar gewohnt kenntnisreich in den historischen Kontext gestellt. Aber gut finden muss man solche Kuriositäten deshalb noch lange nicht. Schon gar nicht  Sergeij Prokofjews “Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution”, die die Reihe beschloss.

Bei diesem monströsen Machwerk – Rübenacker relativiert freilich seinen propagandistischen Nutzwert – handelt es sich um ein Stück stalinistische Zeitgeschichte, das nach feuchten Filzjoppen, fetten Komsomolzinnen, nach subtilem und offenem Terror, nach Hoffnungslosigeit, Trübsal und dünner Kohlsuppe förmlich –  stinkt.

Es ist immer schwierig, über jemanden zu urteilen, der in einer Diktatur lebt (so er nicht gerade aktiv kriminell wird). Aber die Nachwelt hat  die Freiheit, Vergessenswürdiges einfach beiseite zu lassen. Insofern verstehe es wer will, weshalb ein großer Dirigent wie Neeme Järvi dieses Stück Krachmusik überhaupt eingespielt hat.

Mich jedenfalls hat es beim Anhören schier gelupft.


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David Garrett, der Mann mit den luchsigen Ohren

Kurz vorm Schlafen gehen in “Wetten, dass..” reingeschaut. Mit

Dieses dpa-Foto hat mit dem Blogeintrag eigentlich überhaupt nichts zu tun.

Dieses dpa-Foto hat mit dem Blogeintrag eigentlich überhaupt nichts zu tun.

diesem David Garrett, dem Kollege Armbruster zwar geigerische Klasse attestiert, aber auch den Hang zum Unsäglichen.

Und Ohren hat er! Wie ein Luchs! Kann doch tatsächlich aus 30 Aufnahmen des Beethovenkonzerts Geiger, Dirigent und Geige richtig raushören. Und orientiert sich dabei, sagt er, doch haupttsächlich an der Geige. Nicht an der Interpretation, nicht am Tempo, nicht an der Phrasierung, nein an der Geige. Da würde jeder halbwegs talentierte Violinstudent, der einen Überlick über die gängigen Einspielungen hat,  blaß vor Neid.

Vorschlag zur Güte: ein, zwei Dutzend Weltklassegeiger nehmen ihre Stradivaris, Guarneris und Anonymas, spielen eine neutrale Melodie – und Garrett sagt ganz genau, welches Instrument er hört.  Er muss dazu noch nicht mal in ein Wasserbecken hocken, eine Brille aufsetzen und die Luft anhalten.


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