Ein Schnellfeuerhirte – Der Dokumentarfilm “Machine Gun Preacher”

Vielleicht wären auch in Deutschland die Kirchen wieder voller, wenn da einer predigen würde, der ein paar vollautomatische Waffen in der Sakristei zwischengelagert hat und erzählen kann, wie er heidnische afrikanische Mordbanden niedergemetzelt hat. Sehr viel heimeliger würde das die Gesamtgesellschaft allerdings nicht machen. Sam Childers jedoch ist in einer anderen Waffenkultur aufgewachsen, in den USA.   ‘Ein Schnellfeuerhirte – Der Dokumentarfilm “Machine Gun Preacher”’ weiterlesen


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Auf der Autobahn

Welche Verachtung liegt denn da dahinter? Ich war mit meiner Kiste nahezu jeden Tag auf der Autobahn unterwegs und allzu oft ballten sie hinter und neben mir die Faust, überholten mich demonstrativ rechts, fletschten die Zähne und machten wild fuchtelnd Fotos mit dem Handy, wobei manche Verkehrsteilnehmer über solchen Übungen die Kontrolle über ihr Fahrzeug komplett zu verlieren drohten. Dabei glaube ich, ein vergleichsweise empathischer und gelassener Fahrer zu sein, der den Flow nicht gerade verzögert. Jaja, die schlauen Psychologen erklären einem, dass sich die Leute im Straßenverkehr eine Art Tarnkappe der Anonymität überziehen und unter deren Schutz glauben, „mal richtig die Sau rauslassen“ zu können. Mir kam es aber oft so vor, als würden die Leute ganz bewusst in ihrem Streitwagen sitzen, und ihren Pferdestärken die Sporen geben, nach dem Motto „Höher, schneller, weiter“. Der andere ist da nur noch Gegner und die Gesamtveranstaltung könnte „Krieg mit anderen Mitteln“ heißen. Nicht nur die „political correctness“, sondern allerlei moralisch-ethische Maßstäbe schieben einem solchen Verhalten zumindest in Europa den Riegel vor. “Normalerweise”. Aber die zivilisatorische Decke scheint recht dünn zu sein. Es geht darum, den anderen fertig zu machen, ihn zu übertrumpfen, ihn zu „versägen“, ihn zu erledigen: Als ein Ventil des Alltags, zu dem man den von Jahr zu Jahr immer neu mit Pferdestärken und Kilowattstunden aufgerüsteten Streitwagen an den Start bringt. Man hat den sogenannten Wettbewerb verinnerlicht, man scheint ganz unwillkürlich und scheinbar selbstverständlich zu glauben, dass dieses ganze Spiel des Gewinners und Verlierers einen dazu legitimiere, den anderen vernichten zu dürfen. Empathie und Rücksichtnahme sind da nur Schwächen. Jawohl, der Wettbewerb erlaubt alles. Es gilt ja der allüberall so verherrlichte „Wettbewerb“, völlig selbstverständlich absolut. Da wird bis kurz vor der Messstelle, mit der der Staat als Raubritter an der Veranstaltung auch gerne teilnimmt, munter Gas gegeben. Unmittelbar davor kommt die große Bremsaktion und der Wagen wird brutal bis zur geforderten Geschwindigkeit herabgebremst, kurz danach wieder herb beschleunigt. Auch sehr ökologisch, das! Die Checker, die Bescheidwisser und cleveren Überholer sind unterwegs. Sie bringen unter anderem auch diese Art der staatlichen Abkassiererei hervor. Es könnte ja auch darum gehen, Feinstaub oder Lärm zu vermeiden. Es könnte darum gehen, Gefahren zu vermeiden, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Könnte ja eine Überlegung wert sein und könnte ja auch mal Sinn haben.
Es gilt das Recht des scheinbar Stärkeren. In Neudeutsch: Er hat sich durchgesetzt. Es ist dies im journalistischen Sinne auch das Gängige, was jeder weiß. Das Thema, was nun wirklich durch ist. Wirklich? Wieso verhält sich der Mitmensch dann aber auf der Autobahn wie eine Sau? Wider besseres Wissen? Ist vielleicht das Wissen und der Verstand gar nicht das Entscheidende? Werden wir von rudimentären Trieben zu unserem Verhalten gebracht? Von losgelösten Emotionen? Mehr als wir denken?


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Riskante Wendemanöver – Douglas Sirks “Duell in den Wolken”

sirk_duell_covEr sei der beste Reporter in der Stadt , wird Burke Devlin (Rock Hudson) von einem Einheimischen mal vorgestellt, als er zwischen den Maschinen und Tausendsassas einer Flugshow hindurchläuft. Dass Devlin sich für die Leute hier interessiert, wird er bald beweisen. Wir schreiben in Douglas Sirks Spielfilm „Duell in den Wolken“ das Jahr 1932, und die Kerle, die hier vor den Toren von New Orleans mit halsbrecherischen Wende­manövern um die   Wette fliegen, sind nicht nur ganz junge Heißsporne, sondern auch Veteranen des Ersten Weltkriegs, Kampfpiloten, die nicht mehr auf den festen und langweiligen Boden des bürgerlichen Friedens zurückgefunden haben. ‘Riskante Wendemanöver – Douglas Sirks “Duell in den Wolken”’ weiterlesen


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The Kids Are Not Alright – Jonathan Kaplans Wut im Bauch

wutimbauchcovWie mag das sein, in so einer abgelegenen Schlafstadt ohne Infrastruktur Teenager zu sein? Das fragt man sich immer wieder, wenn man in amerikanischen Filmen das künstliche Paradies der Vorstadt sieht, die ganz aufs Ruhebedürfnis der in die Stadt zur Arbeit pendelnden Mittelständler ausgerichtet ist. 1979 hat ein Film von Jonathan Kaplan, „Over the Edge“, im Deutschen heißt er „Wut im Bauch“, diese Frage zu beantworten versucht – und zwar ziemlich alarmistisch. Furchtbar ist es, schreit uns dieser Film entgegen, die Kids sind gelangweilt, frustriert, aggressiv, sie sind in ihrer Langeweile besonders empfänglich für den Kick, den Drogen versprechen. The kids are not alright.

Dass dieser auf dem ersten Drehbuch von Tim Hunter basierende Film jetzt auch bei uns als DVD erscheint, ist natürlich verdienstvoll. Denn „Wut im Bauch“ hatte ja große Ambitionen, man merkt ihm an, dass er der Debattenthemafilm des Jahres werden wollte, ein game changer in Sachen Wahrnehmung von und Umgang  mit den bürgerlichen und weniger bürgerlichen Kids. ‘The Kids Are Not Alright – Jonathan Kaplans Wut im Bauch’ weiterlesen


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Dimensionsloch in der Garage – Das Apple-Gründer-Biopic “jOBS”

jobs-cov„Das“ Steve-Jobs-Biopic, heißt es in allen Meldungen zu jenem Filmprojekt der Sony-Studios, bei dem David Fincher gerade als Regisseur ergebnislos vorverhandelt hat. Als gäbe es bloß diesen einen Versuch Hollywoods, das Leben des Apple-Gründers nachzuerzählen. Damit wäre schon alles gesagt über die Nachwirkung von „jOBS“, einem von Matt Whiteley geschriebenen, von Joshua Michael Stern inszenierten Biopic, in dem Ashton Kutcher das One-more-thing-Marketinggenie verkörpert: die war gleich Null. ‘Dimensionsloch in der Garage – Das Apple-Gründer-Biopic “jOBS”’ weiterlesen


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Das Baumängel-Quartett oder Feiner Natodraht

Foto: Achim Zweygarth

Da gab es noch diesen Chefarzt, Fachrichtung Urologie, im Privatleben Bauherr, der irgendwann  kurz davor war, rot zu sehen, wenn er das Wort „Bautoleranz“ hörte. Der insgeheim bestimmt mit dem Gedanken spielte, seine Sonden mit Schmirgelpapier oder noch besser mit feinem Natodraht zu umwickeln, sollte einer seiner Bauigel bei ihm auf dem Untersuchungsstuhl landen.

Ja, Freunde, bauen heißt grauen. Und wer einerseits den Leidensdruck unseres Urologen teilt, andererseits nicht über dessen theoretische Möglichkeiten verfügt, kann seinen Frust wenigstens spielerisch ein bisschen mildern. „Das Mängelquartett“ heißt jenes heitere Kartenspiel für die ganze Baufamilie, das allen Mühseligen und Beladenen zeigt: sie sind mit ihren Sorgen nicht allein. ‘Das Baumängel-Quartett oder Feiner Natodraht’ weiterlesen


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Ein Feind der Zäune – King Vidors Western “Mit stahlharter Faust”

Mit-stahlharter-Faust-covDer Mensch verändert jenen Weltwinkel, in die er sich vor seinesgleichen flüchtet, bis sie so aussehen wie jene Gegend, die er hinter sich lassen wollte.  Von dieser Zwickmühle erzählen Western immer wieder, so auch King Vidors „Mit stahlharter Faust“, im Original „Man Without a Star“  aus dem Jahr 1955. Kirk Douglas spielt den erfahrenen, rotzfrech auf sich selbst vertrauenden Cowboy,  der gleich anfangs beim Schienentrampen einen Neuling, einen Zivilisationsflüchtigen von der Ostküste, auf ein paar reale Gegebenheiten hinwiesen muss. Der Westen ist also anders, als sich das die Traumtänzer vorstellen (eine durchaus ironische Volte, findet diese Belehrung doch in einem Filmwestern zu einer Zeit statt, als dieses Genre selbst noch heftig an der Verklärung von Ort und Epoche arbeitet). ‘Ein Feind der Zäune – King Vidors Western “Mit stahlharter Faust”’ weiterlesen


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Ein Westler in Ostberlin – Günter Reischs “Ein Lord am Alexanderplatz”

Ein_Lord_am_AlexanderplatzMan habe sein „Totenschiff“ noch mal hinbekommen, erklärt der Ostberliner Mechaniker dem westdeutschen Herrn, dessen schwarzer Mercedes 300 einen Werkstattbesuch dringend nötig hatte. In Günter Reischs Komödie „Ein Lord am Alexanderplatz“ aus dem Jahr 1967 symbolisiert die betagte schwarze Luxuskarre einen Überlegenheitsanspruch des Westens, der nicht mehr haltbar ist.

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Überraschende Gäste, verrückte Gastgeber: James Whales “The Old Dark House”

olddarkhousecovWer die ruckelnden Tricks des vordigitalen Kinos mag, der wird sich in James Whales Horrorklassiker „The Old Dark House“ aus dem Jahr 1932 früh verlieben. Drei Menschen fahren in einem heftigen Regensturm auf unsicheren Behelfswegen durch die Berge von Wales, und die Kamera zeigt uns ein reales Auto auf dem Außengelände der Universal, den Fahrgastraum im Studio mit Rückprojektion – und ein kleines Modellauto, das auf einer vermatschten Holzplatte im Trickstudio entlangzuckelt. Das kuriose Rütteln und Schütteln des Modells wirkt nicht lächerlich, es lässt nur das Menschenwerk angesichts der Gewalt der Natur umso klappriger wirken. Ganz und gar hinreißend ist der Erdrutsch, mit dem James Whales Trickleute dem Holzauto den Rückweg abschneiden. ‘Überraschende Gäste, verrückte Gastgeber: James Whales “The Old Dark House”’ weiterlesen


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Die andere Art Straßenstrich – “Prince Avalanche” auf DVD

Prince_Avalanche_PlakatAuf Arbeiter als Hauptfiguren hat das Unterhaltungskino schon lange keine Lust mehr. Es sei denn, sie schmeißen den Baustellenhelm hin und retten die Welt vor Aliens, Kometen oder Terroristen. Aber dann waren sie vorher schon was Kinocooles, Spezialisten auf einer Ölbohrplattform oder so. Zwei Straßenarbeiter, die weiße Striche auf den Asphalt malen, und das auch noch draußen an einer menschenleeren Strecke zwischen den Orten – diese Personalbeschreibung klingt wie ein galliger Witz.   aber hat den umzusetzen gewagt, als Remake eines isländischen Films (aber aus Island erwartet man ja schratig verschrobenen filmischen Wahnsinn, der nur auf Festivals läuft, aus den USA nicht). Weiß der Teufel, wie Green dieses Projekt finanziert bekommen hat, ohne unterwegs in eine Zwangsjacke gesteckt zu werden. ‘Die andere Art Straßenstrich – “Prince Avalanche” auf DVD’ weiterlesen


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