Weihnachtsmärchen eines alten Paares: die DVD “Immer noch Liebe!”

Eines sieht man gleich: „Immer noch Liebe!“ ist kein Kinofilm, sondern eine Fernsehproduktion. Auch wenn man in den USA versucht hat, das Regiedebüt des 24-jährigen Nicholas Fackler auf Arthouse-Leinwände zu bringen.  Aber „Lovely, Still“, so der Originaltitel, zitiert großes Kino, altes Kino allerdings, vor allem das Kleinstadtbild von Frank Capra, die bürgerliche Nestwärme einer anderen Epoche. In unseren Tagen wirkt so etwas extrem süßlich, was noch dadurch verschlimmert wird, dass in diesem niedlichen Amerika gerade die Weihnachtstage anstehen.

Nun kommt das große Aber:  aber Ellen Burstyn und Martin Landau spielen mit in dieser Geschichte von betagten Menschen, die das Einander-Kennenlernen wie Teenager erproben, nun ja, wie schüchterne Teenager anderer Filmzeiten. Wobei der allein lebende Robert mal zu verstehen gibt, so etwas wie mit Mary habe er noch nie erlebt, er sei immer allein gewesen: was uns ziemlich in Erstaunen versetzt.

Wer etwas älter ist, aus einer jener Generationen stanmt, die Techno  nicht für eine Musik-, sondern eine Faschismusform halten, wer also Landau noch aus der Originalserie „Mission:  Impossible“ kennt und sich jedes Mal gefreut hat, wenn dieser große, von Filmproduzenten unterschätzte Schauspieler eine Chance bekam , zu glänzen, wie in Woody Allens „Crimes and Misdemeanors“, der wird hingerissen sein von dem, was der 1928 Geborene uns als alter Mann im Glück vorführt. Landau spielt sogar die große Ellen Burstyn manchmal beinahe an den Rand.

Während wir den beiden zusehen, wird dann auch immer klarer, dass der Kitsch keine sentimentale Übertreibung, kein bloßes Missgeschick  der Inszenierung ist. Die Kamera zeigt uns keine Außen-, sondern eine Innenwelt. Wir dürfen uns fragen, ob wir hier eigentlich einem Traum von Robert zusehen. Weshalb eine  weitere  faire Erörterung dieses Films nur mit einem fetten SPOILER möglich ist: bitte nicht weiterlesen, wer sich die Spannung erhalten will.

Fackler erzählt tatsächlich aus einer Innenwelt, aus einer grausigen. Robert ist an Alzheimer erkrankt. Mary ist seit Jahrzehnten seine Frau. Um seinen verwirrten Wünschen und Sehnsüchten entgegen zu kommen, geht sie auf sein Spiel der ersten, späten Liebe ein.

Das Problem ist weniger, dass wir das nicht glauben könnten. Sondern dass Fackler noch ziemlich viel Kitschiges und Irreales übrig lässt, auch nachdem die Kamera sozusagen aus Roberts Kopf herausgetreten ist und uns die ‘wirkliche’ Welt zeigt. Da ist zum Beispiel die wunderliche Anordnung, dass Roberts Familie, also Mary, seine Tochter und sein Schwiegersohn,  in einem Haus lebt und er, offenbar, damit er sich nicht an den Kanten seiner Wahnvorstellung stößt, in einem anderen Haus gegenüber, heimlich ver- und umsorgt von seinen Lieben. Mit der ökonomischen, logistischen und emotionalen Realität hat auch diese Realitätsebene des Films wenig zu tun. Aber als Martin-Landau-Fan kann man trotzdem ein paar Szenen auf der Große-Momente-Spule im Kopf archivieren.

 

Immer noch Liebe! (Lovely, Still),. USA 2008. Atlas-Film DVD. 89 Minuten. Deutsch, Englisch, Dolby 5.1. Deutsche Untertitel. 

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