Kabbeleien in der Zombiestraße – The Walking Dead, Staffel Zwei

Zombies waren mal die absoluten Schmuddelkinder der Fantastikwelt, die bösen Abschaumfratzen einer verrohten Medienwelt, die beim Jugendschutz-Elternabend von Berufsaufgeregten den geschockten Erziehungsberechtigten in winzigen Videohäppchen („Ausschalten! Ausschalten! Da wird einem ja schlecht!“) vorgeführt wurden. Dann war die Stimmung am Tiefpunkt. „So etwas schauen unsere Kinder? Was sollen wir bloß tun?“

Tempi passati. Die Zombieserie „The Walking Dead“ ist eines der großen Erfolgsphänomene der aktuellen Fernsehlandschaft. „The Walking Dead“ wird offenbar quer durch die Schichten und Altersgruppen geschaut, von Männlein und Weiblein. Unser Verhältnis zu symbolischen Bildern hat sich offenbar entspannt. Die Erwartung eines gar nicht netten, in den Bildern der Zombie-Apokalypse ganz gut darstellbaren Kollapses unserer Gesellschaft scheint sich auszubreiten.

Erfolg kann Probleme schaffen. Beim US-Sender AMC gab es Zoff hinter den Kulissen, und worum es tatsächlich ging, ist nicht ganz klar. Die Beteiligten haben sich, abgesichert von deftigen Vertragstrafen, auf Stillschweigen geeinigt. Showrunner Frank Darabont jedenfalls musste mitten in der Produktion seinen Stuhl räumen. Inhaltlich und formal, wurde eilends versichert, werde sich aber nichts ändern. Das war eine Lüge. Die zweite Staffel von „The Walking Dead“ ist anders als die erste, besitzt sehr viel weniger Dynamik und einen sehr viel höheren Seifenopernfaktor.

Dem müssen gar keine inhaltlichen Entscheidungen, keine Zielgruppenjustierungen zugrunde liegen. AMC wollte doppelt so viele Folgen wie bei der ersten Staffel, ohne doppelt so viel investieren zu müssen. Also lässt man das Häuflein Überlebender, das sich in der ersten Staffel zusammen gefunden hat, auf ihrer Irrfahrt durchs Land Halt machen auf einer hochherrschaftlichen Farm im Süden, wo man die Zombieapokalypse tageweise fast vergessen kann. Der Herr des Hauses, ein früherer Tierarzt, will so viel wie möglich vom alten Leben bewahren. Er glaubt, die Zombieseuche wie eine Grippeepidemie aussitzen zu können. Das sorgt für Konflikte mit den Neuankömmlingen, die viel Zeit haben, sich auch untereinander zu kabbeln, Affären zu entwickeln und Eifersucht schmoren zu lassen. Es menschelt, es muss menscheln, denn budgethalber treten Zombies jetzt nur selten auf. Lebende sind schneller geschminkt als Untote.

 

Im Wettbewerb der Nervensägen liegt Glenn (Steven Yeun, hinten) sogar noch vor Dale (Jeffrey DeMunn).

 

Das wäre nicht so schlimm, wenn die Konflikte besser entwickelt wären. Aber das beliebige Hin und her, das redundante Debattieren im Keifton, das verschwitzte Balzen sinkt manchmal auf „Lindenstraßen“-Niveau. Das Rennen um den Titel „Weinerlichster, glibbrigster Charakter“, aber schließlich gewinnt doch Glenn, gespielt von Steven Yeun. Raten sie mal, wer leider nicht vom Zombie gebissen wird, obwohl man das Folge für Folge inniger hofft.

Die Drehbuchautoren haben die Glaubhaftmachung der Überlebenssituation zugunsten der Beziehungskrisen-Hamsterrädchen fast ganz aufgegeben. Man muss sich immer wieder die Haare raufen angesichts der praktischen Dinge, die vernachlässigt, und der seltsamen Sachen, die tatsächlich gemacht werden. Beispiel: in einer Welt fleischfressender Zombies bindet man Pferde nicht einfach in einem verlassenen Ort vor einem Laden an und geht dann hinein. Einer bleibt unter der Tür stehen und hält ein Auge auf die Tiere. Aber nicht in der Welt von „The Walking Dead“.

Am schlimmsten eskaliert diese Wurstigkeit, wenn tatsächlich Zombies anstürmen. Mittlerweile können auch an Waffen weitgehend Ungeübte aus einem Schlingerkurs fahrenden Auto heraus in rascher Folge auf  bewegliche Ziele Kopfschuss um Kopfschuss setzen – nachts natürlich. Dagegen war die Fantasieballistik in alten Westernserien der reinste Physikunterricht.

Trotz allem aber, die Idee der Zombieapokalypse trägt noch, es gibt ein paar gute Momente, man schleppt sich durch in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber vom Muss-man-gesehen-haben-Charakter der ersten Staffel ist die zweite weit entfernt. Ich will Frank Darabont zurück.

The Walking Dead – Die komplette Staffel Zwei. Entertainment One. 554 Minuten. Extras: Entfallene Szenen, diverse Features.

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