Outtakes vom Sterben – “Halt auf freier Strecke” auf DVD

Es ist derzeit gar nicht so schwer für einen Film, in die Gruppe jener Werke vorzustoßen, von denen man am Jahresende sagt: das waren meine Favoriten. Das (Über)-Angebot auf deutschen Leinwänden ist trostlos. Schon mit wenigstens ein bisschen Pfiff gemachte Wohlfühlware wie “Ziemlich beste Freunde” erscheint da – und nicht nur der scheinbar aus anderen Epochen geklauten Besucherzahlen wegen – wie ein heller Lichtstrahl.

Andreas Dresens “Halt auf freier Strecke” aber ist ein Film aus einer ganz anderen Kategorie. Ums kuschlige Zuschauerbehagen geht es dieser Geschichte eines Sterbens gar nicht. Aber auch nicht ums effektgeile Erschrecken. Dresen reagiert einfach darauf, dass wir das Sterben aus unserem Alltag, aus der Familie, aus dem Naherfahrungskreis verbannt haben. Er gibt es uns zurück. Mich hat der Film bei seinem Start schon sehr beeindruckt.  Aber nachträglich ist mir klar geworden: das ist nicht nur einer der wirklich guten Filme des Jahres. Dieser Film übers Sterben ist ein Film fürs Leben.

Nun ist endlich die DVD erschienen. Der ist vorbildlicherweise ein Booklet mit Interviews beigelegt, mit Regisseur Andreas Dresen, den  Darstellern Milan Peschel, Steffi Kühnert und Lilli Lemke sowie den Ärzten Uwe Träger und Petra Anwar. Letztere spielen im Film ihren Berufsalltag, was zu dessen dokumentarischem Charakter beiträgt.

Auch zum Bonusmaterial der DVD gehören neben einem Audiokommentar des Regisseurs Interviews mit Dresen und Peschel. Dazu gibt es die fiktive Episode der Harald-Schmidt-Show in voller Länge zu sehen. Für alle, die den Film noch nicht kennen: der von Peschel gespielte, todkranke Frank Lange halluziniert einmal, sein Gehirntumor sei Gast bei Schmidt und rede dort über sich und ihn.

Die entfallenen Szenen sind, wie bei allen guten Filmen, deshalb interessant zu schauen, weil sie für sich allein genommen nicht weniger gelungen sind als andere Szenen, die es in den Endschnitt geschafft haben. Man wird mit der harten Ausdwahlarbeit konfrontiert, mit dem Konflikt “gut an sich – gut für den Film”.

Das Schönste aber sind ein paar Outtakes, zusammen nicht einmal drei Minuten lang. In denen wird gelacht, weil es zu Pannen kommt, weil Schauspieler die Anspannung ventilieren, weil ihnen das Absurde einer Situation bewusst wird. Dieser kleine Heiterkeitsmenüpunkt ist nicht das kleine Gegengewicht zur Grimmigkeit des Films, im  Gegenteil. Er drückt etwas aus, was im Film selbst steckt, den erfolgreich umgesetzten Willen, keine Kunstfolter zum Kopfwegdrehen zu werden, sondern die wahrhaftige Schilderung eines essenziellen Teils des Menschseins, der man trotz der emotionalen Strapaze gerne folgt.

Andreas Dresen: Halt auf freier Strecke. Pandora-Film DVD/Blu-ray. 106 Minuten. Ton: Deutsch 2.0 DD, 5.1 DD.  Untertitel: Englisch, Französisch, Spanisch. Audiodeskription für Sehbehinderte und  deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Restlicher Bonus: s.o.

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