Archiv für die 'Fotografie' Kategorie

Triptychon der Leidenschaft

Können Bilder und Fotos eigentlich Energie ausstrahlen? In dieser bilderüberfluteten Welt? Können sie die Realität, können sie den Ausdruck verdichten? Können sie Kraft und Subtilität auf ein Bild konzentrieren, zusammenziehen? Gelingt das in Schwarzweiß besser als in Farbe? Weil sie damit über das bloße Dokumentieren einer Oberfläche vielleicht hinausgehen und die Wirklichkeit auf so etwas wie Wesentliches reduzieren! Wir sind jedes Mal überwältigt im eigentlichen Sinne, wenn wir in den Veranstaltungsaal der Manufaktur in Schorndorf eintreten. Drei riesige Konterfeis auf der gegenüberliegenden Wand, Bilder, Fotos, die den Moment festzuhalten versuchen, ihn der Zeit zu entreißen versuchen. In der Mitte bläst der Jazzgigant Peter Brötzmann ins Rohr, jene Free Jazz- Ikone, der man so manches nicht abgenommen hat, weil er ausprobiert hat. Er ist über lange Jahre ins Risiko gegangen, er hat auf seine Weise die Reinheit des Ausdrucks gesucht. Das Foto erscheint geradezu beseelt. Sehnsucht, – ob dieser romantische Begriff darauf passt? Er hat es immer wieder mit allen Kräften versucht, er hat emotional und rational als ganze Person seinen Weg gesucht. Musikalisch. Aber das Bild sagt ja auch: als Person. Ihm zur Seite Joe McPhee und Roy Campbell, Trompete, Saxofon, Konzentration, Intensität. Ein Triptychon der Leidenschaft geradezu. Unmöglich, davon nicht angerührt zu sein.
Und doch: nahezu alle auftretenden Musiker haben die Fotos nicht mal beachtet. Sie haben sie links liegen gelassen. Wären sie selbst abgebildet gewesen, dann wäre das selbstverständlich anders gewesen. Ignorante Egomanen. Vom eigenen Ding besessen. Das des Anderen, überhaupt: die Musik als Ganzes!, – das interessiert kaum. Sich selbst verwirklichen. Formulieren. Selbstoptimierung heißt das auf Neudeutsch. Ein gesellschaftliches Phänomen. Ich gegen den Rest der Welt. Man kann es schaffen, wenn man es nur will. All diese neoliberalen Phrasen und Sprüche, sie sagen alle „Ich Ich Ich…“. Dass wir aber eingebunden sind in einen Energiestrom, dass Musik das auf das Wunderbarste veranschaulichen könnte, das erscheint außerhalb dieser Betrachtungsweise. Dass wir Respekt haben könnten vor dem Streben, der Leistung des Anderen, das scheint tabu. Musik machen braucht und es bedingt geradezu das Musik hören. Aktiv – Passiv. Gegenseitige Bedingung als Dialektik. Musiker, Publikum und die gemeinsame „Sprache“. Musik hat etwas Kollektives, formuliert einen möglichen Energiestrom, der durch uns alle geht, den wir zulassen und erkennen können. Außerhalb aller Geschmäcklereien.
Das hat nicht nur Edles. Ein Blick in diese Gesichter dort vor uns an der Wand reicht. Das ist konkret. Das ist Schweiß. Dies ist nach vorne gerichtete Energie. Erforschende Power. Diese Kraft kann verbinden, zeigt in die Richtung auf etwas Gemeinsames. Ideal für einen Veranstaltungsraum, so denken wir. Ein Ansporn. Ein Impuls. Richtig zuhören, sich mit allem einlassen – das geht doch über jene Muzak weit hinaus, die uns per Radio und tausend andere Medien alltäglich umgibt und einhüllt. Das ist live und im Moment. Das passiert im Hier und Jetzt mit aller Kraft. Das hat jene Magie, mit der irgendein Urmensch schon vor 30000 Jahren in eine Höhlenflöte geblasen hat. Ein Klang hat sich ausgebreitet. Damals wie heute. Einer, der ganz unmittelbar etwas von den Emotionen des Anderen erzählt hat. In einer anderen Sprache, die wir alle verstehen könnten.


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Von der Lust, freier Journalist zu sein: Leo Rosenthal in den Zeugenstand, bitte!

Der Tarifkampf in den Zeitungshäusern ist zu Ende. Ist gewonnen, würde mancher Kollege wohl schreiben. Aber vermutlich kein freier Kollege. Im Kampf der Redakteure um Status und Geldwert ihrer Arbeit kam es zu Polemiken, die uns im wieder einsetzenden Alltag vielleicht noch einholen werden, zur Gleichsetzung von Redakteursarbeit mit Qualität und von freier journalistischer Arbeit mit Mangelleistung.

Daran musste ich gerade wieder denken, als ich im Vorwort des Fotobandes “Leo Rosenthal – Ein Chronist in der Weimarer Republik” (Schirmer/Mosel, München. 160 Seiten, 29,90 Euro) auf eine Kurzbeschreibung des freien Journalistendaseins stieß. Rosenthal, studierter Jurist, hat in Berlin von 1920-1933 als freier Gerichtsreporter gearbeitet. Einer Freundin schrieb er im Mai 1924:

“Es ist ein schreckliches Leben, das man führt. Man weiß eigentlich mehr gar nicht wozu man es lebt. Es ist ein Sorgen und Mühen ohne Ende, ohne Sinn, ohne Freude (…) Mir geht es also gut! Habe Arbeit mehr als ich brauchen kann, den Kopf voll Themen, bemühe mich meine literarischen Verbindungen zu erweitern, mache schon weniger Fehler als früher, werde allmählich echter Journallist, verflache immer mehr.”

Die Fotos sind übrigens, wenn man sich für Glanz und Elend der Zwischenkriegszeit und die Köpfe von damals interessiert, spannend, lehrreich und verblüffend.


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