Archiv für die 'Renommierliches' Kategorie

Sein letztes Buch. Schon wieder ein Meisterwerk von Ernst Augustin

Er ist alt, er ist blind, es ist sein letztes Buch. Seit genau 50 Jahren publiziert Ernst Augustin seine durchtriebenen, genau komponierten, scheinbar leichtfüßigen, aber hintersinnigen und sprachlich immer wieder am Rand des Geheimnisvollen angesiedelten Romane: Mit „Der Kopf“ debütierte er 1962 und bekam sofort den Hermann-Hesse-Preis, mit „Robinsons blaues Haus“ verabschiedet sich der 85-Jährige: „Dieses letzte Kapitel ist auch mein letztes Kapitel, und es ist mein letztes Haus, das ich hier baue.“ Und es ist wie immer ein Spiel mit den Genres, ein Spiel mit dem Leser, ein Spiel mit dem Leben, ernst und ironisch zugleich.

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Dichterdurst: Tee für Jean Paul

Arbeitspause. Tee getrunken. Durch zufällig aus dem Regal gegriffene Bücher geblättert. Und eine schöne Teeszene gefunden. Der Schriftsteller August Lewald (der lange in Stuttgart als Regisseur am Hoftheater gearbeitet hat) erzählt vom Besuch einer Abendgesellschaft in Bayreuth im Jahre 1815, bei der auch Jean Paul geladen ist. Der dicke Dichter setzt sich an den Flügel und “macht den tiefsten Eindruck”.

Aber dann: “Nach beendigtem Spiel wollte er Tee; aber der Tee war längst fortgetragen, und die Bedienten brachten ihm andere Erfrischungen. Er bestand aber auf Tee und begehrte ihn so laut im Vorzimmer, daß die Dame des Hauses ängstlich aufsprang, um nach der Ursache des Lärms sich zu erkundigen, und, wie natürlich, sogleich Tee zu bringen befahl. Leider ist es nur zu wahr, daß er im Eifer des Gesprächs dann diesen Tee so stark mit Rum zu versetzen pflegte, daß er am Ende reinen Rum trank und so für die Gesellschaft fast untauglich wurde. Dies war die Ursache, daß er von vielen Baireuther Gesellschaften, welche die Gegenwart des herrlichen Mannes mit dieser Unannehmlichkeit nicht erkaufen wollten, ausgeschlossen blieb.”   

Unsere Dichterfürsten.


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Kairoer Volkszorn – Chalid al-Chamissis “Im Taxi”

Sie haben die Schnauze voll. Manche weinen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie mit den korrupten, inkompetenten, erpresserischen Beamten im durchbürokratisierten Ägypten fertig werden sollen. Andere üben sich in Galgenhumor oder Selbstausbeutung bis zur Erschöpfung. Einige suchen bereits Trost bei den geifernden Heilsversprechen radikaler Islamisten. Einer hat ganz und gar genug und fragt seinen Fahrgast, ob der nicht wisse, wie man eine Nagelbombe baue, er wolle sich und ein paar andere jetzt auch in die Luft jagen. Die Kairoer Taxifahrer, die in Chalid al-Chamissis Roman „Im Taxi – Unterwegs in Kairo“ zu Wort kommen, vermitteln uns ein gutes Bild von der Bedrängnis, Verzweiflung und Wut, die zum Volksaufstand geführt haben. ‘Kairoer Volkszorn – Chalid al-Chamissis “Im Taxi”’ weiterlesen


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Jawohl, Frau Lehrerin – Herzliche Kurzempfehlung von Judith Schalanskys “Der Hals der Giraffe”

Ein paar kurze Lobworte nur, weil ich malaisehalber einhändig schreiben muss.

Ganz große Klasse: Judith Schalanskys “Der Hals der Giraffe”. Drei (jeweils mehrere Monate auseinander liegende) Tage aus dem Leben einer Biologielehrerin an einem der Schließung entgegensiechenden Gymnasium in den ländlichen Weiten des sich entvölkernden Ostens.

Die Protagonistin ist kaltschnäuzig sachlich, will sich und ihre Schüler als bloße Exempel biologischer Gesetze und Wirkmechanismen begreifen.So kann sie Neid und Ekel kanalisieren, Trauer und Enttäuschungen verdrängen.

Bitter komisch, Sprachlich präzise. Dann am Wahrsten, wenn man am lautesten “Nein” sagen möchte. Auch als böser Widerspruch gegen Schulreformgeschwafel lesbar. Und virtuos auf das Wegdenken der darwinismuspragmatischen Lehrerin vom schmerzlich Unkontrollierbaren im eigenen Leben zurechtgeformt. Die zwei, drei ganz wichtigen Dinge, die anderswo auf der vierfachen Giraffengesamtlänge dem Literaturpreis nahegeschwatzt würden, sind hier ganz an den Rand gedrängt (und kommen doch zur Wirkung).

Sehr schön aufgemacht ist das rauleinige Hardcover auch, es zitiert mit ältlichen Schaubildern die Naturkundebücher von einst. Paradox,  dass einem der Roman selbst durch sein Schulwesensporträt die Hoffnung nimmt, sein Einsatz als Schullektüre könnte etwas bringen.

 

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Roman. Suhrkamp, Berlin. 224 Seiten, 21,90 Euro.

 

Hier geht’s zur Leseprobe.


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Von der Lust, freier Journalist zu sein: Leo Rosenthal in den Zeugenstand, bitte!

Der Tarifkampf in den Zeitungshäusern ist zu Ende. Ist gewonnen, würde mancher Kollege wohl schreiben. Aber vermutlich kein freier Kollege. Im Kampf der Redakteure um Status und Geldwert ihrer Arbeit kam es zu Polemiken, die uns im wieder einsetzenden Alltag vielleicht noch einholen werden, zur Gleichsetzung von Redakteursarbeit mit Qualität und von freier journalistischer Arbeit mit Mangelleistung.

Daran musste ich gerade wieder denken, als ich im Vorwort des Fotobandes “Leo Rosenthal – Ein Chronist in der Weimarer Republik” (Schirmer/Mosel, München. 160 Seiten, 29,90 Euro) auf eine Kurzbeschreibung des freien Journalistendaseins stieß. Rosenthal, studierter Jurist, hat in Berlin von 1920-1933 als freier Gerichtsreporter gearbeitet. Einer Freundin schrieb er im Mai 1924:

“Es ist ein schreckliches Leben, das man führt. Man weiß eigentlich mehr gar nicht wozu man es lebt. Es ist ein Sorgen und Mühen ohne Ende, ohne Sinn, ohne Freude (…) Mir geht es also gut! Habe Arbeit mehr als ich brauchen kann, den Kopf voll Themen, bemühe mich meine literarischen Verbindungen zu erweitern, mache schon weniger Fehler als früher, werde allmählich echter Journallist, verflache immer mehr.”

Die Fotos sind übrigens, wenn man sich für Glanz und Elend der Zwischenkriegszeit und die Köpfe von damals interessiert, spannend, lehrreich und verblüffend.


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Komm schnell, Du schöne Welt des Radiums

Glauben und Wissen sind nicht immer Gegensätze. Manchmal sind es Alterungsstufen. Das Wissen von Gestern erscheint uns heute als irriger Glaube. Was nicht das letzte Wort sein muss, wohlgemerkt. Manchmal haben wir es mit einer Kreisbewegung zu tun: mal scheint es etwas Gewissheit, dann bringen neue Erkenntnisse die ursprüngliche Theorie, Prognose oder Behauptung wieder zu Ehren. Es lohnt, nicht nur nach vorne zu schauen, sondern auch nach hinten, um der Skepsis eine Chance gegen das Wunschdenken, aber auch, um der Hoffnung eine Chance gegen den Pessimismus zu geben. ‘Komm schnell, Du schöne Welt des Radiums’ weiterlesen


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Urlaubslektüre: Walser, Weissner, Grass

Jetzt lese ich mal – das, das und das, stapel, sammel, seufz: für jeden Urlaub trage ich Bücher zusammen, als müsste ich für einen Umzug packen. Obwohl ich genau weiß, dass ich unterwegs sowieso wieder neue Schwarten kaufen werde. Das Schlimme daran: der Umgang mit Gedrucktem wird in seiner Zwanghaftigkeit deutlich. Das Gute daran: es bilden sich seltsame, ungeplante Leseketten. So wie diese: ‘Urlaubslektüre: Walser, Weissner, Grass’ weiterlesen


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Der Schiefläufer – Joshua Ferris’ Roman „Ins Freie”

Eigentlich ist ja jede müde Faser an mir einzeln froh, dass ich gerade im Urlaub im Norden sitze und den hiesigen Stechmücken (Tsetse nosferatis) zuschauen darf, wie sie von den Haut- und Knochensäcken ehemaliger Kühe aufsteigen und einen Weg durch die Isolierglasscheiben zu mir suchen. Aber die Lesung von Joshua Ferris in der Stuttgarter Stadtbücherei morgen abend hätte ich schon gern erlebt. ‘Der Schiefläufer – Joshua Ferris’ Roman „Ins Freie”’ weiterlesen


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Leider unbrauchbar. Peter Brauns Literaturgeschichte nach 1945

Er ist von Anfang an unzuverlässig und eigentlich unbrauchbar: Stellt eine Epocheneinteilung vor, die schon seit vielen, vielen Jahren von niemandem mehr ernsthaft vorgenommen wird (außer von den Lehrer, die etwas Ordnung hineinbringen sollen). Meint, dass der Zweite Weltkrieg eine Grenze für die Literatur sei (statt die Nazizeit), dass Österreich und die Schweiz in der Literatur nach dem Krieg „größeren Einfluss gewannen als je zuvor“ (als hätte es nie die Wiener Moderne gegeben, den Aufbruch der gesamten Literatur aus dem Wien um 1900, Karl Kraus, Musil oder, oder, oder…). Oder dieser Satz: „Wer kann heute schon sagen, was morgen noch standhält“ – wer hätte gestern sagen können, was heute standhält, wer vorgestern… Lauter Unsinnigkeiten, Unzuverlässigkeiten, Ungenauigkeiten, Schludrigkeiten. Alles auf der ersten Seite des Vorworts. Da könnte man eigentlich schon aufhören. ‘Leider unbrauchbar. Peter Brauns Literaturgeschichte nach 1945′ weiterlesen


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Einer der überragenden Stilisten des letzten Jahrhunderts?

Da bin ich mal gespannt. Einer „der überragenden Stilisten des vergangenen Jahrhunderts“ soll er gewesen sein. Ich kann mich noch vage an sein Buch „Die stählerne Blume“ erinnern, das ich während meines Studiums gelesen habe, da ging es um die deutsche Sicht auf Japan. Exotismus, Japonismus in der Literatur. Da fand ich Friedrich Sieburg schon arg rechtskonservativ. Aber wie dieses neue Buch von ihm anfängt (das noch gar nicht anfängt, sondern einen Vorzettel und ein Vorwort vor sich her trägt), ist schon arg abstoßend. Es heißt „Die Lust am Untergang“ und trägt den schönen Untertitel „Selbstgespräche auf Bundesebene“. Hiervon ein anderes Mal mehr, wie Robert Walser einmal schrieb. Das Buch ist gerade in der Anderen Bibliothek erschienen. ‘Einer der überragenden Stilisten des letzten Jahrhunderts?’ weiterlesen


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