Archiv für die 'Lektüre' Kategorie

Romeo und Julia in der Gefechtsfeldvariante – Die Comicreihe “Saga”

SagacovsmEs herrscht Krieg in der Galaxis. „Wie eigentlich immer“, kommentiert die Erzählerin des Comics „Saga“ trocken. Und noch etwas ist uns vertraut: Liebe über die Frontlinie hinweg.  Die Erzählerin berichtet aus den Tagen ihrer Geburt, ihre Eltern sind die Handlungsträger. Mutter Alana und Vater Marko standen sich in verfeindeten Armeen in einer die ganze Galaxis umspannenden Auseinandersetzung gegenüber. Nun sind sie gemeinsam fahnenflüchtig:  Romeo und Julia in der Gefechtsfeldvariante.

Im galaktischen Krieg kommen Schwerter, Strahlenwaffen und Magie nebeneinander zum Einsatz.  Dass hier nicht pure Science Fiction, sondern Hightech-Fantasy geboten wird, kann man auch am Äußeren der Kontrahenten festmachen. Die Wesen vom Planeten Landfall besitzen Flügel und wirken auch sonst ein klein wenig elfenhaft,  ihre Gegner vom Mond Ranke tragen Satyrzüge, nämlich Widderhörner und die dazu passenden Schafsohren. ‘Romeo und Julia in der Gefechtsfeldvariante – Die Comicreihe “Saga”’ weiterlesen


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Pennertum und Pilgerschaft – Band 2 von Larcenets Comic “Blast”

Blast2Eigentlich wollte er sich von allem frei machen, der ehemalige Gastrokritiker und Schlemmerbuchautor Polza Mancini. Als wir ihn in Manu Larcenets Comicprojekt „Blast“ kennenlernen, sitzt der massige Polza aber in Polizeigewahrsam. Wenn er nicht in einer kleinen Arrestzelle hockt, dann wird er von zwei Beamten verhört. Es geht um etwas ziemlich Schreckliches, das er einer Frau angetan haben soll. Aber Polza erzählt zunächst einmal sein Leben. Der eine der Kriminalbeamten verliert darüber schon einmal die Nerven und schlägt zu. ‘Pennertum und Pilgerschaft – Band 2 von Larcenets Comic “Blast”’ weiterlesen


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Nach dem Absturz – Der “Flight”-Vorläufer “Fate Is the Hunter”

Fate-Is-the-Hunter-DVD-70516Ist der Herr Flugkapitän wirklich bei der Sache? Die Frage stellt sich, als er kurz vorm Start vor allem übers Angeln redet, auch noch im Cockpit. Erst recht, als er mit der neuen Stewardess flirtet und als er einen Pappbecher mit Kaffee, den er offenbar nötig hat, zwischen den Armaturen platziert. Als dann in Ralph Nelsons „Fate Is the Hunter“ von 1964 Probleme an der Maschine auftreten, scheint der von Rod Taylor gespielte Kapitän Jack Savage (wenn das kein sprechender Name ist!) zunächst nicht schuld zu sein. Ihm gelingt beinahe die bravouröse Rettung der Passagiere. Aber dann zerschellt die Maschine doch, und als das Geheul der Rettungsfahrzeuge erstorben ist, gibt es nur eine Überlebende. ‘Nach dem Absturz – Der “Flight”-Vorläufer “Fate Is the Hunter”’ weiterlesen


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Worlds beyond wonder – Ein kleiner Hinweis an alle, die Jack Vance verpasst haben, obwohl er ziemlich lange unter uns war

Jack Vance, 1916-2013    (Foto: David M. Alexander)

Jack Vance, 1916-2013 (Foto: David M. Alexander)

Wo anfangen? Das Werk des amerikanischen Fantastik-Autors Jack Vance ist so umfangreich, dass man jede Beschreibung, egal, an welcher Ecke man anfängt, nach kurzer Zeit frustriert abbrechen möchte, weil man mit der willkürlichen Konzentration auf dieses oder jenes Detail ein falsches Bild des imposanten Ganzen liefert. Vance, der am 26.05.2013 im Alter von 96 Jahren gestorben ist, hat sowohl Science Fiction als auch Fantasy geschrieben, sogar einige Krimis hat er, teils unter Pseudonym, veröffentlicht. Aber dieses Aufpflanzen von Genrewimpelchen verrät noch nichts über sein Werk, nur über den Umgang mit ihm. ‘Worlds beyond wonder – Ein kleiner Hinweis an alle, die Jack Vance verpasst haben, obwohl er ziemlich lange unter uns war’ weiterlesen


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Grüß Gott, Herr Hesse

Calwer Marktplatz

Zu Hermann Hesse hat die Frankfurter Allgemeine vor 16, 17  Jahren eigentlich schon alles gesagt (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Das Calwer Hesse-Kolloquium sei eine Veranstaltung für Leute, die den Steppenwolf auch nach Erlangung der allgemeinen Hochschulereife für einen großen Roman hielten.

Je nun, der Hesse. Er ist, der FAZ zum Trotz, grad wieder schwer im Kommen. Sein fünfzigster Todestag ruft sie alle auf den Plan, die Freunde und Liebhaber. In “Hermann Hesse Superstar” kamen sie am MIttwoch  zu Wort, die Literaturpäpste Lindenberg, Klink und Beckenbauer. Jeder, wie er’s mag.

Zuvor hat die ARD Jo Baiers “Heimkehr” gesendet, und meine Befürchtung, Heike Makatsch müsse ein sogenanntes Schwäbisch sprechen, ist zum Glück nicht eingetreten. Das hat dem insgesamt etwas betulichen Film ebenso gut getan, wie der weitestgehend recht authentische Dialekt, den die Gerbersauer/Calwer Bürger sprachen – auch wenn sie doch, von den Außenseitern abgesehen, allesamt arg geduckt und verdruckt gezeichnet waren.

Warum der Film trotzdem nicht ganz funktioniert hat, liegt an den Drehorten: nicht nur, dass die Architektur in Hall und Gmünd im Detail anders anmutet als in Calw. Es fehlt dort auch die drückende Schwärze des Waldes, die das enge Nagoldtal (und seine Bewohner) prägt oder zumindest prägte. Anders ausgedrückt: in Baiers Film war etwas zu viel Himmel zu sehen.

PS.: Jo Baier hätte den Film natürlich gar nicht in Calw drehen können. So verschandelt und geschleift und zubetoniert wie die Stadt in den vergangenen 50 Jahren wurde. Wie die Kinder mit den Bohnen sind die Calwer mit dem Charme ihrer Stadt umgegangen. Dass in anderen württembergischen Städen die gleiche Ignoranz zuhause ist, macht die Sache nicht besser.


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Sein letztes Buch. Schon wieder ein Meisterwerk von Ernst Augustin

Er ist alt, er ist blind, es ist sein letztes Buch. Seit genau 50 Jahren publiziert Ernst Augustin seine durchtriebenen, genau komponierten, scheinbar leichtfüßigen, aber hintersinnigen und sprachlich immer wieder am Rand des Geheimnisvollen angesiedelten Romane: Mit „Der Kopf“ debütierte er 1962 und bekam sofort den Hermann-Hesse-Preis, mit „Robinsons blaues Haus“ verabschiedet sich der 85-Jährige: „Dieses letzte Kapitel ist auch mein letztes Kapitel, und es ist mein letztes Haus, das ich hier baue.“ Und es ist wie immer ein Spiel mit den Genres, ein Spiel mit dem Leser, ein Spiel mit dem Leben, ernst und ironisch zugleich.

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Eine Frage der Normen: Bram Stokers “Dracula”

Bram Stoker (1847-1912)

Bram Stoker hat es nicht leicht gehabt, nicht im Leben und nicht danach.  Als Gestalt der Literaturgeschichte wird der gebürtige Ire von Feingeistern oft nur widerwillig ertragen. Er gilt als mieser Stilist und kruder Groschengrusel-Hökerer, sein einer Roman, der ihm Nachruhm sichert, als Zufallstreffer, eher thematisch denn stilistisch interessant – der 1897 erschienene „Dracula“. ‘Eine Frage der Normen: Bram Stokers “Dracula”’ weiterlesen


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Dichterdurst: Tee für Jean Paul

Arbeitspause. Tee getrunken. Durch zufällig aus dem Regal gegriffene Bücher geblättert. Und eine schöne Teeszene gefunden. Der Schriftsteller August Lewald (der lange in Stuttgart als Regisseur am Hoftheater gearbeitet hat) erzählt vom Besuch einer Abendgesellschaft in Bayreuth im Jahre 1815, bei der auch Jean Paul geladen ist. Der dicke Dichter setzt sich an den Flügel und “macht den tiefsten Eindruck”.

Aber dann: “Nach beendigtem Spiel wollte er Tee; aber der Tee war längst fortgetragen, und die Bedienten brachten ihm andere Erfrischungen. Er bestand aber auf Tee und begehrte ihn so laut im Vorzimmer, daß die Dame des Hauses ängstlich aufsprang, um nach der Ursache des Lärms sich zu erkundigen, und, wie natürlich, sogleich Tee zu bringen befahl. Leider ist es nur zu wahr, daß er im Eifer des Gesprächs dann diesen Tee so stark mit Rum zu versetzen pflegte, daß er am Ende reinen Rum trank und so für die Gesellschaft fast untauglich wurde. Dies war die Ursache, daß er von vielen Baireuther Gesellschaften, welche die Gegenwart des herrlichen Mannes mit dieser Unannehmlichkeit nicht erkaufen wollten, ausgeschlossen blieb.”   

Unsere Dichterfürsten.


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Zum hundertsten Todestage: Scharlih, der alte Experte

Bei Licht betrachtet, war Karl “Scharlih”  May, seit genau hundert Jahren mit seinem roten Bruder  Winnetou vereint, seiner Zeit um viele Jahrzehnte voraus: eine Waffe mit sehr kleinem Kaliber und sehr hohem taktischen Nutzen, das war der  Henrystutzen, das berühmteste Gewehr der dark and bloody grounds. Fünfundzwanzig mal schießen, ohne nachzuladen, da wurden nicht nur die Schurken neidisch.

Herzstück des Henrystutzens  ist eine aus einem „polygonen Eisenstück“ gefeilte Kugel mit 25 Löchern für ebenso viele Patronen, „bei jedem Schusse rückt die Kugel weiter, die nächste Patrone an den Lauf“. Wer als Knabe mit dieser Beschreibung aus „Winnetou I“ nicht klar kam, wird sich als Erwachsener erst recht keinen Reim drauf machen können. May, sonst bekanntermaßen ein Freund der Fakten, hat sich das Wundersystem schlicht ausgedacht. Wahrscheinlich aus dramaturgischen Gründen, um sein unbesiegbares alter Ego Shatterhand-Kara-ben-Nemsi-Sternau noch unbesiegbarer zu machen. Aus diesen Gründen musste der arme Held – der doch eigentlich schon mit einem einfachen „Jagdhieb“ Remedur schaffen konnte – auch zwei Schießprügel durch die Wüste, die Prärie und die Pampa schleppen: Drei Kilo Stutzen, fünf Kilo Bärentöter, dazu zwei Revolver und ausreichend Munition – ein anderer hätte es da Malheur mit den Bandscheiben gekriegt.  Nicht so May: mit keinem Wort der Klage belästigt er  seinen Leser, und stets blank geputzt hat unser Held sein stählernes Handwerkszeug zur Hand.

Wer sich übrigens ein Bild des Henrystutzens machen will, wird wenig Glück haben: Aus Mays Besitz überliefert ist eine Winchester, Modell 1866, die er sich erst 1902 zulegte, damit seine Fans was zum Angucken hatte. So ähnlich wie die Winchester sieht übrigens das sogenannte Henry-Gewehr aus, beiden gemein ist aber, dass sie bei ballistisch halbwegs brauchbaren Kalibern über zehn, zwölf Schuss kaum hinauskommen. Und mit einem Büchsenmachermeister Henry aus St. Louis haben sie biographisch und technisch schon gar nichts zu tun. O Henry, o Henry.


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Tatort Wien

Trotz Frau Neuhauser: es hat schon bessere ORF-Tatorte gegeben.

Daran konnten auch die schnittigen, stets frisch gewaschenen und bestens ins Licht gesetzten Volkswagen nichts ändern.


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