Mozart würde heute, wie SWR 2 dankenswerter Weise meldete, 256 Jahre alt. Und der Sender hat ihm am Morgen auch gleich ein Geburtstagständchen gespielt: das Finale aus dem Klavierkonzert KV 503 mit Richard Goode. Was mich, quasi im Vorbeigehen, dazu bringt, die CD ganz kurz und knapp, aber dafür wärmstens zu empfehlen. Goode spielt, begleitet vom Orpheus Chamber Orchestra, einen Mozart, wie man ihn sich nur wünschen kann: klar strukturiert, lebhaft in den Tempi, uneitel in der Haltung. Happy birthday, Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus!
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Können Bilder und Fotos eigentlich Energie ausstrahlen? In dieser bilderüberfluteten Welt? Können sie die Realität, können sie den Ausdruck verdichten? Können sie Kraft und Subtilität auf ein Bild konzentrieren, zusammenziehen? Gelingt das in Schwarzweiß besser als in Farbe? Weil sie damit über das bloße Dokumentieren einer Oberfläche vielleicht hinausgehen und die Wirklichkeit auf so etwas wie Wesentliches reduzieren! Wir sind jedes Mal überwältigt im eigentlichen Sinne, wenn wir in den Veranstaltungsaal der Manufaktur in Schorndorf eintreten. Drei riesige Konterfeis auf der gegenüberliegenden Wand, Bilder, Fotos, die den Moment festzuhalten versuchen, ihn der Zeit zu entreißen versuchen. In der Mitte bläst der Jazzgigant Peter Brötzmann ins Rohr, jene Free Jazz- Ikone, der man so manches nicht abgenommen hat, weil er ausprobiert hat. Er ist über lange Jahre ins Risiko gegangen, er hat auf seine Weise die Reinheit des Ausdrucks gesucht. Das Foto erscheint geradezu beseelt. Sehnsucht, – ob dieser romantische Begriff darauf passt? Er hat es immer wieder mit allen Kräften versucht, er hat emotional und rational als ganze Person seinen Weg gesucht. Musikalisch. Aber das Bild sagt ja auch: als Person. Ihm zur Seite Joe McPhee und Roy Campbell, Trompete, Saxofon, Konzentration, Intensität. Ein Triptychon der Leidenschaft geradezu. Unmöglich, davon nicht angerührt zu sein.
Und doch: nahezu alle auftretenden Musiker haben die Fotos nicht mal beachtet. Sie haben sie links liegen gelassen. Wären sie selbst abgebildet gewesen, dann wäre das selbstverständlich anders gewesen. Ignorante Egomanen. Vom eigenen Ding besessen. Das des Anderen, überhaupt: die Musik als Ganzes!, – das interessiert kaum. Sich selbst verwirklichen. Formulieren. Selbstoptimierung heißt das auf Neudeutsch. Ein gesellschaftliches Phänomen. Ich gegen den Rest der Welt. Man kann es schaffen, wenn man es nur will. All diese neoliberalen Phrasen und Sprüche, sie sagen alle „Ich Ich Ich…“. Dass wir aber eingebunden sind in einen Energiestrom, dass Musik das auf das Wunderbarste veranschaulichen könnte, das erscheint außerhalb dieser Betrachtungsweise. Dass wir Respekt haben könnten vor dem Streben, der Leistung des Anderen, das scheint tabu. Musik machen braucht und es bedingt geradezu das Musik hören. Aktiv – Passiv. Gegenseitige Bedingung als Dialektik. Musiker, Publikum und die gemeinsame „Sprache“. Musik hat etwas Kollektives, formuliert einen möglichen Energiestrom, der durch uns alle geht, den wir zulassen und erkennen können. Außerhalb aller Geschmäcklereien.
Das hat nicht nur Edles. Ein Blick in diese Gesichter dort vor uns an der Wand reicht. Das ist konkret. Das ist Schweiß. Dies ist nach vorne gerichtete Energie. Erforschende Power. Diese Kraft kann verbinden, zeigt in die Richtung auf etwas Gemeinsames. Ideal für einen Veranstaltungsraum, so denken wir. Ein Ansporn. Ein Impuls. Richtig zuhören, sich mit allem einlassen – das geht doch über jene Muzak weit hinaus, die uns per Radio und tausend andere Medien alltäglich umgibt und einhüllt. Das ist live und im Moment. Das passiert im Hier und Jetzt mit aller Kraft. Das hat jene Magie, mit der irgendein Urmensch schon vor 30000 Jahren in eine Höhlenflöte geblasene hat. Ein Klang hat sich ausgebreitet. Damals wie heute. Einer, der ganz unmittelbar etwas von den Emotionen des Anderen erzählt hat. In einer anderen Sprache, die wir alle verstehen könnten.
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Wieder einmal ist eine interessante Musikstundenwoche zuende gegangen. Doch im Gegensatz zur vorigen – Susanne Herzog über Vivaldi - hat diesmal - Thomas Rübenacker über Musik und Macht - die Erkenntnis auch weniger angenehme Gefühle gezeitigt.
Werke wie Beethovens glorreichen Augenblick und Brahms’ Triumphlied hat der Autor zwar gewohnt kenntnisreich in den historischen Kontext gestellt. Aber gut finden muss man solche Kuriositäten deshalb noch lange nicht. Schon gar nicht Sergeij Prokofjews “Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution”, die die Reihe beschloss.
Bei diesem monströsen Machwerk – Rübenacker relativiert freilich seinen propagandistischen Nutzwert – handelt es sich um ein Stück stalinistische Zeitgeschichte, das nach feuchten Filzjoppen, fetten Komsomolzinnen, nach subtilem und offenem Terror, nach Hoffnungslosigeit, Trübsal und dünner Kohlsuppe förmlich – stinkt.
Es ist immer schwierig, über jemanden zu urteilen, der in einer Diktatur lebt (so er nicht gerade aktiv kriminell wird). Aber die Nachwelt hat die Freiheit, Vergessenswürdiges einfach beiseite zu lassen. Insofern verstehe es wer will, weshalb ein großer Dirigent wie Neeme Järvi dieses Stück Krachmusik überhaupt eingespielt hat.
Mich jedenfalls hat es beim Anhören schier gelupft.
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Monate-, was, jahrelang beim Einklang um fünf CD-Boxen herumgeschlichen: Bach-Kantaten und große Chorwerke mit Masaaki Suzuki und dem Bach Collegium Japan. Jeweils zehn CDs zum Stückpreis von 50 Euro. Drei der Boxen habe ich mir nach und nach zugelegt, die beiden anderen standen auf der Wunschliste.
Blöd nur, wenn man den Aufrduck “Limited Edition” irgendwie nicht so recht glauben will. Jedenfalls: die Edition war tatsächlich limitiert, da konnte mir nicht mal mehr Willi Wagner – und der muss es schließlich wissen – helfen.
Wie heißt es bei Henscheid (glaub ich jedenfalls): so dumm ist die Hauptperson.
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Eine Backsteinwand wirkt geschwätzig im Vergleich zu dem Typen, der zu Anfang von „Hard Times – Ein stahlharter Mann“ (1975) per Güterwaggon durch Louisiana reist. Eine Backsteinwand wirkt auch weich im Vergleich zu diesem nicht mehr jungen Kerl, der im Amerika von 1933, mitten in der Großen Depression also, seinen Lebensunterhalt mit bare knuckle fights bestreitet, mit Blankfaustkämpfen, einem Wettvergnügen für die Zornigen, die Verzweifelten und die Verrohten. ‘Männer ohne Worte – Walter Hills Debütfilm “Hard Times – Ein stahlharter Mann”’ weiterlesen
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Was mir in der ganzen Diskussion um den Bundespräsidenten noch fehlt: eine saftige Architekturkritik über Wulffs Villa.
So ein Bohei aber auch. Um so einen daublausigen Klinkerschuppen.
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Er war auf jedem Sektor ein Genie, der größte lebende Könner jeder nur denkbaren Profession: so hat Nordkoreas Propaganda den schwer persönlichkeitsgestörten Diktator Kim Jong-il stets verherrlicht. Nordkorea hat also nicht nur seinen Machthaber, sondern seinen größten Chirurgen, Rinderzüchter, Tortenbäcker, Glasbläser und Kernphysiker verloren. Man darf beliebige weitere Professionen einsetzen. Was aber fast jeden erschrecken dürfte, der Filme liebt, ist der Umstand, dass die Propagandaphrase in einer Variante wohl zuträfe: mit Kim Jong-il hat Nordkorea seinen besessensten Filmvielfraß verloren. ‘Der Tyrann im Kinosessel – Kim Jong-il’ weiterlesen
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Sie haben die Schnauze voll. Manche weinen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie mit den korrupten, inkompetenten, erpresserischen Beamten im durchbürokratisierten Ägypten fertig werden sollen. Andere üben sich in Galgenhumor oder Selbstausbeutung bis zur Erschöpfung. Einige suchen bereits Trost bei den geifernden Heilsversprechen radikaler Islamisten. Einer hat ganz und gar genug und fragt seinen Fahrgast, ob der nicht wisse, wie man eine Nagelbombe baue, er wolle sich und ein paar andere jetzt auch in die Luft jagen. Die Kairoer Taxifahrer, die in Chalid al-Chamissis Roman „Im Taxi – Unterwegs in Kairo“ zu Wort kommen, vermitteln uns ein gutes Bild von der Bedrängnis, Verzweiflung und Wut, die zum Volksaufstand geführt haben. ‘Kairoer Volkszorn – Chalid al-Chamissis “Im Taxi”’ weiterlesen
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Das schreibt sich leicht hin: der Gitarrist Hubert Sumlin, der am 4. Dezember im Alter von 80 Jahren verstorben ist, war bereits zu Lebzeiten eine Legende des Blues. Erklären lässt sich das einem Bluesneuling aber schwer angesichts der trostlosen Ansammlung meist missratener Platten, die Sumlins Lebenswerk als Band-, besser gesagt, als Session -Leader ausmachen. Erklären lässt sich aber gut, warum diese Platten so flau und formlos sind. Hubert Sumlin, am 16. November 1931 in Greenwood, Mississippi, geboren, war einer der schüchternsten, man sollte vielleicht sogar sagen, zartesten Männer im Blues. ‘Der schüchterne Mann der Zukunft – Zum Tod des Bluesgitarristen Hubert Sumlin’ weiterlesen
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