Dem Glück entgegen

Da blickt mal wieder einer in die Zukunft und erklärt uns, was er sieht. Geadelt ist er durch akademische Titel und ein optimistisches Gemüt, wie das in den USA gang und gäbe ist: Spielverderber sein, das gilt da nicht. Wir werden es schaffen, – yes, we can. So spricht der Zeitgeist dort schon jahrzentelang, jahrhundertelang. Die Pioniere waren ja einst auch ausgezogen, einem ungewissen Horizont entgegen. Dem Glück. Dem Gelingen. So ganz nebenbei promotet Rifkin sein neues Buch, das eben seine Thesen in Buchstaben erklärt. „Sharing economy“ heißt das Zauberwort, – allerlei Güter austauschen und den Kapitalismus dadurch so lange abschaffen, bis der Arzt kommt. Schön, das. Was aber wäre, wenn etwas kaputt geht, oder wenn böse Menschen sogar sich darin gefallen, etwas kaputt zu machen? Wenn der geteilte Arbeitsplatz plötzlich nicht mehr da ist? Ja ja, man muss nicht immer schwarz sehen. Ist ja alles noch in der Probephase und es werden sich Lösungen heraus kristallisieren.usw. So manchem sind die Thesen freundlich, aber auch sehr idealistisch vorgekommen. Das Muster ist meist dasselbe: man erklärt die Welt und presst das in Buchform, wofür es dann möglichst viele Käufer geben sollte. Der Mann vergöttert auch die kommende Technologie der 3D-Drucker: daraus können wir uns in Zukunft alles drucken, was wir brauchen, Im Recycling-Verfahren natürlich, bei Null Grenzkosten. Was Null Grenzkosten sind? Das erklärt er uns im Buch ganz genau. Ach ja. Und die ganzen Regierungen einschließlich der Kanzlerin Angela Merkel berät Rifkin offenbar ja auch. Der Mann ist ausgewiesen seriös. Der muss es einfach wissen.
Wie das alles in der Popmusik wohl aussieht? Wir teilen uns alle Dateien, die wir aus dem Internet herunterladen. Aber wer hat sie produziert, hat geschwitzt, hat sein ganzes technisches und musikalisches Know-How eingebracht, hat sich Alternativen überlegt, hat sich entschieden und schließlich zu einer einzigen digitalen Datei als Endergebnis geformt? Was soll sein Lohn dafür sein? Wer legt ihn fest? Wer hängt sich womöglich an diesen Lohn an und versucht spezialisiert, seinen Profit damit zu machen? Als Company? Als Managment, als Consultant? Gibt es überhaupt einen messbaren Lohn, aus dem heraus man als schaffender Musiker in der „Sharing economy“ leben könnte? Gibt es einen „Bauplan“ für einen Hit, für eine Folge von Tönen, die wir gerne hören? Könnte man den in einem 3-D-Drucker drucken? Einen „intelligenten“ Computer damit füttern? Was könnte dabei heraus kommen? Ist es etwa so etwas, was heute viele TV-Sendungen und die Musikindustrie vorführen? Die Macher und Könner scheinen da zu regieren, unabhängig davon, was (!) sie da machen oder können. Hört man ihre „Produkte“, so könnte man an diese Machbarkeit anhand fester Kriterien denken, an das Formelhafte, das nicht nur in der populären Musik steckt. Das Wissen, das Know-How. Das Lernbare. Das Umsetzbare. Das Gekonnte und Versierte. Das, was als „richtig“ oder „falsch“ erscheint. Und doch war es bisher oft etwas Außergewöhnliches, eine Form der Grenzüberschreitung, die einen Hit zu einem „Superhit“ hat werden lassen, zu etwas Unwiderstehlichem. Mit Gassenhauerqualität. Etwas, was sich festgesetzt hat, nicht nur durch starke Melodien, sondern auch durch prägnante Stellen und Übergänge, oder durch Stimmungen und Atmosphären, die solche Musik provoziert hat. Durch eine direkte Verbindung mit dem Zeitgeist auch, – eine Verbindung mit dem, was aktuell in der Luft liegt. Durch das „Andere“, das eine solche Musik kurz gestreift hat, um es schließlich in das „Normale“ und Alltägliche zu überführen. Natürlich versucht der Musiker, der Künstler, die Frontfigur eines Hits, immer wieder, eine solche Formel in ihrem „Schaffensprozess“ zu wiederholen (Ob so etwas „Stil“ ergibt?) und die Aufmerksamkeit auf die vermeintliche eigene Einmaligkeit und seine eigenen charismatischen Starqulitäten zu lenken. Auf das Genie, – was vor allem ein romantischer Begriff ist, der das Heil ausschließlich vom Ego erwartet. Natürlich klappt das oft.
Zumindest hat dieser Transfer in der Vergangenheit noch oft geklappt. Doch ganz im Sinne einer beschleunigten Realität wird so etwas zunehmend seltener, kommen neue „Stars“ genauso schnell, wie sie wieder gehen oder sich in der Ferne verlieren. Der Einzelne, seine anhaltende Kreativität verliert darin wohl immer mehr Bedeutung, er erhebt sich aus einer Art Schwarmintelligenz, ragt kurz heraus und geht dann wieder in ihr unter. Die Anfänge der Techno-Bewegung waren ungefähr so gestrickt, ehe sich dann doch wieder Marken und Stars gebildet haben, die sich in hohen Stückzahlen „durchgesetzt“ haben, die „den Markt penetriert“ haben. Offenbar scheint es eine starke Nachfrage nach solchen Einzelnen zu geben, weshalb ja im Popgeschäft die alten Schlachtrösser wie die Rolling Stones, Pink Floyd, Sting, U2 usw. noch gewaltigen kommerziellen Erfolg haben. Ob’s mit dem derzeit so beliebten Fetisch-Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu tun hat? Stellvertretend für uns leben sie ihre Kreativität und ihre Vitalität aus, bestehen diese Abenteuer des Ichs, die uns das Dasein stellen könnte, die es aber demjenigen nicht abverlangtt, der sich als einer unter vielen erfährt. Einer, der irgendwann geboren wird und wieder stirbt. Ohne Spuren. Ein paar Fragen und Wägbarkeiten sind einem schon durch den Kopf gegangen, als der ehemalige Junge aus einem Hinterhof von Chicago und jetzige Soziologie- und -Wirtschaftsprofessor seine Thesen vorgetragen hat. Wir wünschen ihm und seinen Analysen alles Gute. Sie mögen schleunigst zur Verbesserung der Welt beitragen. Wir befürchten aber nicht nur im Bereich der Popmusik so manche Störungen. „Disfunktionalitäten“ würden Akademiker vielleicht so etwas nennen.


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CD-Tipp: Kinderlieder aus Deutschland und Europa

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Mit Kindermusik ist es oftmals so eine Sache: klingendes Plastik, jede Menge Weichmacher inklusive. Der Komponist, Arrangeur und Produzent Peter Schindler  sticht aus diesem aseptischen Einerlei auf das Positivste heraus: seine verschiedenen Liederprojekte, erschienen im Carus-Verlag, genießen mittlerweile so etwas wie Kultstatus. Da fügt sich das neueste Projekt ‘CD-Tipp: Kinderlieder aus Deutschland und Europa’ weiterlesen


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CD-Tipp: Violinsonaten mit Markus Wolf und Julian Riem

Markus Wolf (Vollrath-Stradivari von 1722) und Julian Riem (Bechstein-Flügel von 1862) haben schon einmal einen Aufsehen erregenden Brahms eingespielt: als Teil des Münchner Horntrios mit Johannes Dengler. Nun legen sie mit den selben Instrumenten Violinsonaten von Brahms, Franck und Grieg vor. Und wieder gelingt es ihnen (ganz besonders bei Brahms’ op. 108) die zwingende, aber spröde Logik des Werks so zu übersetzen, dass  völlig neue Einblicke entstehen. Nicht elegisch,  sondern zügig, ‘CD-Tipp: Violinsonaten mit Markus Wolf und Julian Riem’ weiterlesen


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CD-Tipp: Tanja Becker-Bender spielt Busoni

tanja-becker-bender-5[1]Wem da nicht das Herz aufginge: Wenn Tanja Becker-Bender (Foto: Uwe Arens) am Anfang von Ferruccio Busonis Violinkonzert zu  dieser aufsteigende Fünfersequenz anhebt,  wenn sie ihr Klangvermögen in allen Lagen ausbreitet, ihr Legato und vor allem ihr elektrisierendes Spiccato, dann müsste ein Holzohr sein, den das nicht rührte.

Mit dieser Maßstäbe setzenden  CD zeigt die gebürtige Stuttgarterin erneut, ‘CD-Tipp: Tanja Becker-Bender spielt Busoni’ weiterlesen


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CD-Tipp: Alexander Maria Wagner solo

TYXart_14040_CD_Cover_300.jpgDoppelbegabungen – Interpret und Komponist – waren früher  häufig. Heute sind sie eher rar. Ein herausragendes Beispiel der Gegenwart für so eine Kombination   ist der 1995 geborene Alexander Maria Wagner.

Eine phänomenale 1. Sinfonie für großes Orchester hat er als 14-Jähriger vorgelegt, nicht weniger fulminant ‘CD-Tipp: Alexander Maria Wagner solo’ weiterlesen


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Johnny B. Goode!

Johnny Winter (1944-2014)       Foto: dpa

Johnny Winter (1944-2014) Foto: dpa

Wie er damals in unser Leben hineinknallte! Mit „Johnny Winter And“ hatte er ein Live-Album und eine Band zusammen, die unglaublich Zunder hatte. Ricky Derringer hieß der zweite Gitarrist, der ihm damals noch folgen konnte und mit ihm zusammen diesen alles niederstreckenden Blues mit viel Rhythmus herausschleuderte. Randy Jo Hobbs war der Bassist. „Go Johnny, Johnny B. Goode“!! Dieses Gurren in der Stimme und diese flirrenden Gitarrenlinien, die stets an der Grenze entlang hangelten! An der Grenze zu was? Egal, es war die Grenze dessen, was jemand ausdrücken konnte, die Grenzen der Existenz oder des Daseins, – oder wie man das auch immer nennen wollte. Intensiv halt, vital und brennend. Das grub sich uns tief ein. Immer und immer wieder hörten wir dieses unerhört drängende Live-Album. Er soll beim Woodstock-Festival gespielt haben, so raunte man sich damals zu. Na und? And? Der Woodstock-Film hatte ihn nicht gezeigt. Macht auch nichts. ‘Johnny B. Goode!’ weiterlesen


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CD-Tipp: Atavistic Music mit Alexander Suleiman und Yojo

Der Pianist Yojo ist schon mit Lang Lang verglichen worden. Das mag er nicht, und es charakterisiert ihn auch nicht korrekt.  Er ist auch schon mit Friedrich Gulda gleichgesetzt worden – was dem jungen Mann schon eher gerecht wird. Zumal Yojos Stief- und Ziehvater, der Komponist Franz Hummel, eng mit dem österreichischen Weltklassemusiker  befreundet war.

Was Yojo aber von Gulda unterscheidet: sein Jazz zündet, ‘CD-Tipp: Atavistic Music mit Alexander Suleiman und Yojo’ weiterlesen


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Die Gier legt Schienen – Hell on Wheels, Staffel 3

Manchmal kann einen nur die Realität von den Behauptungen eines Drehbuchs überzeugen. Dass je eine Eisenbahn quer durch die USA und den Wilden Westen zu Ende gebaut wurde, kann man sich kaum noch vorstellen, wenn man die ersten beiden Staffeln der Westernserie „Hell on Wheels“ gesehen hat. Der Eisenbahnbau ist hier nicht nur eine große logistische Herausforderung, er ist auch ein Intrigantenstadl und Konfliktherd erster Güte. ‘Die Gier legt Schienen – Hell on Wheels, Staffel 3′ weiterlesen


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Mamas wilde Jahre – Die William-Boyd-Verfilmung “Ruhelos”

ruhelos-covAlte Leute werden wunderlich. Denkt sich Tochter Ruth (Michelle Dockery aus „Downton Abbey“) wohl, als sie ihre Mutter Sarah Gilmartin (Charlotte Rampling) besucht und die fragt, ob ihr jemand gefolgt sie. Worauf sie die Grenze von Grundstück und Wald mit dem Fernglas absucht: zwischen den Bäumen hervor beobachte jemand das Haus, glaubt Sally. ‘Mamas wilde Jahre – Die William-Boyd-Verfilmung “Ruhelos”’ weiterlesen


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CD-Tipp: das Atos-Trio mit Schostakowitsch

AtosWenn es eine  Musik gibt, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, dann diese: Dmitri Schostakowitschs zweites Klaviertrio in e-Moll, entstanden im Kriegsjahr 1944 und  dem Andenken  des Universalgelehrten  Iwan Sollertinski gewidmet. Das ganze Elend eines Menschen spricht aus dem Anfang, einer fugierten Klage, in den Instrumenten weit gefächert über fünf, sechs Oktaven, rhythmisch vorangetrieben von einem pochenden Daktylus, schon bei Franz Schubert das Versmaß der Einsamen und der Verzweifelten. ‘CD-Tipp: das Atos-Trio mit Schostakowitsch’ weiterlesen


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